Der Barde Ryley Walker kommt nach München und bringt Musik aus der Großstadt mit.

Ryley Walker| © Tom Sheehan

Chicago war schon immer ein Laboratorium für experimentelle Musik. Das fing einst mit Sun Ra an und führt über Nonkonformisten wie Hal Russell, Roscoe Mitchell und Jim O’Rourke bis zu Bands wie Tortoise und Wilco. Der junge Chicagoer Singer-Songwriter Ryley Walker tanzt auf einem belastbaren Seil von Tim Buckley zu Alice Coltrane. Sein aktuelles Album »Golden Sings That Have Been Sung« wirkt wie ein einziger langer Bewusstseinsstrom, für den extrem wenige Töne notwendig sind. Schon in der Vergangenheit hat Walker keltische Gitarren-Drones mit der modalen Trance-Ästhetik des Jazz der 1960er Jahre verknüpft. »Die Drones und der rhythmische Puls von Alice Coltrane waren ein wichtiger Einfluss auf mich«, rekapituliert der Sänger seine Wurzeln. »Auch ihr offener Space. Ichkann mich in diesem Orbit treiben lassen. Für mich ist diese Verbindung aus modalem Jazz und Folk-Drones normal, aber dass so viele Menschen ebenso empfinden, überrascht mich.Das scheint irgendwie in der Luft zu liegen.«

Ryley Walker reist in die Vergangenheit, um in unerforschten Quadranten Durchgänge in die Zukunft zu stechen. Sein Bezugspunkt ist die Ästhetik des Jazzlabels Impulse, er dockt aber auch an jene Hochphase des Chicagoer Freistils an, die man Post-Rock nannte, bevor dieser Begriff zum Synonym für den Ostinato-Rock à la Mogwai wurde. Obwohl er in der Jazzszene kaum wahrgenommen wird, treibt er sich in den Chicagoer Kneipen mit Free-Jazz-Pionieren aus dem Umfeld Ken Vandermarks und Fred Lonberg-Holms rum. Mit seiner intellektuellen Gelassenheit küsst Walker einmal mehr jenen Geist kreativer Aufmüpfigkeit wach, der sich aus der Windy City über all die Jahrzehnte niemals hat wegblasen lassen: »In Chicago gibt es so viel gute Musik, die sich nicht zuletzt deshalb so authentisch entwickeln kann, weil die Plattenindustrie eben in anderen Städten zu Hause ist. Niemand wartet auf das nächste große Ding aus Chicago. Ich kann jede Nacht ein anderes großartiges Jazzkonzert sehen. Dieser Spirit putscht mich dermaßen auf, dass ich nie genau sagen kann, wie und was ich selbst am nächsten Tag spielen werde.« ||

RYLEY WALKER
Feierwerk – Kranhalle| Hansastr. 39–41 | 12. Juni| 19.30 Uhr
Tickets: 0180 6050400