Spät wiederentdeckt wurde das Werk von Erna Schmidt-Caroll. Wie sie mit pointiertem und freiem Strich Zeitgesichter und Mode um 1930 zeichnete und sich danach als eigentümliche Farbstilistin entwickelte, lässt sich nun im Kallmann-Museum erkunden.

»Hochgebirge« | 1956 | Tempera-Mischtechnik, 48,5 x 63 cm | © Nachlass Erna Schmidt-Caroll

Die Frauen tragen Hut. Und was für Exemplare! Grafisch-geometrisch mit Bändern und Applikationen akzentuierte Kappen der 20er Jahre, hohe Filzhüte und das weiße Häubchen der rotgeschminkten Serviererin. Besonders die engen Kappen fallen einem auf in der Ausstellung des Kallmann-Museums – und die zeitgemäße Frisur, der Bubikopf, der ja quasi eine frisierte Kappe darstellt. Dessen Schwärze und Glänzen, dessen Schwung und Ecken zeichnet Erna Schmidt-Caroll (1896–1964) grandios, in skizzenhaft-souveräner Art. Schon auf den Zeichnungen der 6-Jährigen paradieren kunstvoll behütete Frauen und Mädchen mit Kinderwagen, Schirm, Blumen, Täschchen und Paketchen. Und in einem Skizzenbuch der 11-Jährigen ist – mit erstaunlicher Beobachtungsgabe und zeichnerischer Umsetzung – die Freude an der Mode zu spüren, an bebänderten, befiederten und mit Schleiern besetzten Hüten und schwingenden Röcken, an Bewegungen und Blicken.

1914 waren Frauen noch nicht zum Studium an der Kunstakademie zugelassen. Die von dem Architekten Hans Poelzig geleitete Königliche Kunst- und Gewerbeakademie in Breslau war eine seltene Ausnahme, und hier schrieb sich Erna Schmidt ein. Das Studium bricht sie ab, nachdem sie einen Aufsatz des Kulturreformers Hermann Muthesius über die Modeindustrie gelesen und diesem Arbeitsprobengesandt hatte – denn Muthesius vermittelte ihr eine Stelle als Entwurfszeichnerin am berühmten Berliner Modehaus Gerson. Ein kurzes Intermezzo, der nächste Schritt war der richtige: Sie studierte 1917 bis 1920 an der fortschrittlichen Unterrichtsanstalt des Staatlichen Kunstgewerbemuseums in Berlin bei Emil Orlik. Der war ein einfühlsamer Porträtist und virtuoser Grafiker, zu seinen Schüler zählten auch George Grosz, Hannah Höch und Karl Hubbuch. Aus dieser frühen Zeit ist in der Ausstellung ein Skizzenblatt für das Geburtstagsalbum des beliebten Lehrers zu sehen. Um1920 legt sich die Meisterschülerin den bis heute rätselhaften Beinamen »Caroll« zu, umsich für ihre Künstlerkarriere leichter identifizierbar zu machen.

Frauen, die rauchen. Routinierte Café-Besucherinnen und besoffen-derangierte Herren mit Zylinder. Varieté-Tänzerinnen und Clowns. Paare und Passanten. Allesamt Typen der Großstadt, wie wir sie aus Plakaten und Filmen, Reklame und der Kunst der neuen Sachlichkeit kennen – vom zynisch-entlarvenden Dix, vom sezierenden Grosz und vom eiskalten Hubbuch. Schmidt-Caroll ist frei im Strich und im Farbauftrag, es gibt hier vieles zu entdecken auf ihren Blättern. Dass sie 100 Jahre lang nicht in den Kanon der Kunstgeschichte aufgenommen wurde, hat mehrere Gründe. Frauen kommen dort kaum vor,von Ausnahmen abgesehen wie der spät wiederentdeckten Berlinerin Jeanne Mammen. Schmidt-Caroll schuf keine Gemälde, sondern arbeitete auf Papier, was im Kunsthandel und in öffentlichen Sammlungen weniger Aufmerksamkeit fand. Sie war auf diversen Ausstellungen neben namhaften Kollegen vertreten, hatte aber nur eine einzige Einzelausstellung: Die renommierte Galerie Gurlitt zeigte Aquarelle – freilich spät, 1938, als die Hochzeit der Galerie vorbei war und im Nationalsozialismus kunstpolitisch ein anderer Wind wehte. Italienische und Gebirgslandschaften sind nun ihr neues Thema.

Verspätete Aufmerksamkeit

Auch publizistisch waren für die Illustratorin die »Goldenen Zwanzigerjahre« vorbei. Noch ein Grund: Beruflich war die Künstlerin zweigleisig gefahren, eine Betätigung war die in der »angewandten Kunst«, als Modezeichnerin, Stoffentwerferin. Und kontinuierlich hat sie seit 1922 unterrichtet. An der progressiven Reimann-Schule, erst Modeentwurf, auch Kostümfigurinen, ab 1931 auch in der Aktklasse. Die hauseigene Zeitschrift »Farbe und Form« und die berühmten Reimann-Bälle, für die Schmidt-Caroll mit die Kostüme lieferte, lassen die Vitalität an dieser Lehranstalt spüren.

1942 würdigte sie die Zeitschrift »Gebrauchsgraphik« mit einem Artikel – dann endet das Karriere-Kapitel. Bei der Evakuierung nach Bombenzerstörung konnte sie zunächst viele ihrer Arbeiten retten, verlor aber schließlich 1945 ihr Œuvre bei der Flucht aus Schlesien. Nach dem Krieg, in Landshut und München, arbeitete sie wieder als Illustratorin. Sicherheit bot dann die Lehrtätigkeit als
Abteilungsleiterin an der Werkkunstschule in Hannover (1951–1955) und an der Hamburger Meisterschule für Mode (1955–1962). 1963 geschah die erste Wiederentdeckung ihres Werkes: Im Keller des ehemaligen Berliner Ateliers hatten sich Arbeiten gefunden und wurden ihr zugestellt. Auf einigen Blättern erkennt man die nachträgliche Kugelschreiber-Signatur »Erna Schmidt-Caroll (Berlin)«. Eine Ausstellung freilich kam, auch nach ihrem Tod 1964 in München, nicht zustande.

Erst seit Mitte der 1990er Jahre wird sie im Kontext von Privatsammlungen des »Expressiven Realismus« der Maler der »verlorenen Generation« wiederentdeckt und ausgestellt. »Modezeichnung« steht unten auf dem Aquarell mit dem steilen Pelzkragen-Mantel von 1929. Eines von einigen kleinen Meisterwerken. Schmidt-Caroll schildert auch die Nachkriegs-Tristesse desillusionniert-müder Blicke. Und ihre späten, nicht selten dunklen Temperalandschaften geben schöne Rätsel auf, wie sich die Natur – Fels und Licht und Pflanzenwuchs – erfassen und kalligraphisch übersetzen lässt. ||

ERNA SCHMIDT-CAROLL
Kallmann-Museum Ismaning| Schloßstr. 3b, 85737 Ismaning | bis 9. Juli| Di–So 14.30–17 Uhr | Führungen: 4./15. Juni, 9. Juli; Dialogführung mit Museumsleiter Rasmus Kleine und Dr. Sibylle Bertheau, der Nichte der Künstlerin: 2. Juli; jew. 15 Uhr | Die informative, reich illustrierte Monografie der Nachlassverwaltung von 2003 kostet 15 Euro