Semiramide ist keine glückliche Frau, aber Hauptfigur eines rasanten Verwirrspiels um Schuld und Leidenschaft. Joyce DiDonato singt und spielt sie an der Staatsoper.

Joyce DiDonato | ©Wilfried Hösl

Als Jugendlicher hatte Gioachino Rossini mit mozarteskem Musiktheater Talent bewiesen, als Komponist in den besten Jahren schuf er einen Opernhit nach dem anderen. In schneller Folge entstanden etwa »Il Barbiere di Siviglia« (1816), »Otello« (1816), »La Cenerentola« (1817), »La Gaza Ladra« (1817), umjubelt an Opernhäusern von Neapel bis Paris. Fest verankert in der italienischen Operntradition des 18. Jahrhunderts verstand es Rossini, deren Gestaltungsmittel so zuzuspitzen, dass sie dem wachsenden Kultur- und Unterhaltungsbedürfnis des bürgerlichen Jahrhunderts entgegenkamen. Eingängige Arien mit Belcanto-Flair und gefühlvoll virtuoser Melodik, dramatisierende Choreinwürfe, schmissige Ensembles, klare Harmonik mit ungewohnten, farbigen Wechseln, vor allem auch eine leichte, mitreißende rhythmische Struktur verbanden sich mit exotischen, zuweilen eskapistischen Libretti zum perfekten Produkt für das florierende Musiktheater.

Kein Wunder, dass sich die großen Häuser um ihn rissen. Wien fragte an, Paris konterte mit Angeboten, und Rossini machte sich zu Beginn der 1820er Jahre für eine gute Dekade auf den Weg, um europaweit die Früchte seines Ruhms zu ernten. Bevor er 1823 Italien für längere Zeit verließ, hatte ihn allerdings der Direktor des Teatro La Fenice in Venedig noch für eine Auftragskomposition verpflichten können. Als Vorlage diente Voltaires »Sémiramis«, aus der der Librettist Gaetano Rossi einen zeittypisch blutrünstigen Plot mit ödipalen Anklängen rund um die babylonische Königin Semiramide machte, die erst mit Hilfe ihres Geliebten ihren Ehemann ermordet, später dann den im Verborgenen unerkannt aufgezogenen eigenen Sohn Arsace begehrt, der wiederum, durch viele Intrigen begünstigt, aus Versehen seine Mutter tötet – viel Dramatik also, absurde Tragik und ein wenig Wahnsinn, mit großen Gesten gemischt und von opulenter Musik gekrönt.

Das Publikum der Uraufführung am 3. Februar 1823 feierte vor allem den turbulenten zweiten Akt, und Rossini hatte mit seiner letzten Oper, die er für Italien schrieb, noch einmal einen Trumpf aus dem Ärmel gezogen.Die »Semiramide« blieb bis zum Ende des Jahrhunderts als emotional bewegendes Verwirrspiel auf den Spielplänen und war eine der beliebtesten Opern Rossinis, bis dann mit Verdi, Puccini, überhaupt dem Verismo und der expressionistischen Moderne andere Themen die Führung übernahmen. Nach zur Teil arg verkürzenden Bearbeitungen in den Folgejahrzehnten entdeckten große Stimmen wie Joan Sutherland die Partie für sich. Seitdem gehört die »Semiramide« wieder zum Kanon.

Für die Neuproduktion an der Bayerischen Staatsoper in Kooperation mit der Royal Opera Covent Garden schlüpft nun die Amerikanerin Joyce DiDonato, die schon von der Met und der Scala bis Salzburg begeistern konnte, in die Rolle der unglücklichen Königin. Daniela Barcellona übernimmt die Hosenrolle des Arsace, Alex Esposito den Prinz und Bösewicht Assur. Am Pult steht mit Michele Mariotti ein Dirigent aus Rossinis Heimatstadt Pesaro, die Inszenierung verantwortet der von London bis Wien aktive New Yorker David Alden, der sich am Haus bereits um Francesco Cavallis »La Calisto« gekümmert hat. Ein babylonisches Spektakel. ||

GIOACHINO ROSSINI: SEMIRAMIDE
Bayerische Staatsoper| 23. Feb. (ausverkauft), 21., 24. Juli| 18 Uhr
26. Feb. (Die Vorstellung ist ebenfalls ausverkauft, wird aber über Staatsoper.TV live im Internet übertragen | 17 Uhr | 3. März| 18.30 Uhr
Tickets: 089 21851920