Andreas Kriegenburg inszenierte im Residenztheater einen starken »Macbeth«.

Das Ehepaar Macbeth (Sophie von Kessel und Thomas Loibl)| © Thomas Dashuber

Die Welt ist keine Scheibe und keine Kugel. Sondern ein großes, schwarzes Bühnenpodest. Es dreht, hebt, senkt sich und kippt in so extreme Schräglagen, dass die Menschen darauf Mühe haben, nicht abzustürzen. Das ist Macbeths Welt, Schottland im 11. Jahrhundert. So sehen es Bühnenbildner Harald B. Thor und der Regisseur Andreas Kriegenburg, der 17 Jahre nach seinem fulminanten »Black Rider« erstmals wieder am Resi gearbeitet hat. Ein Gewinn.Hoch ragen die in den Boden gerammten Lanzen wie ein Wald. Stumm und erschöpft stehen Männer mit nackten blutigen Oberkörpern nach der gewonnenen Schlacht.

Macbeths Vorgeschichte erzählt eine blutüberströmte Frau vor dem Podest – Lady Macduff (Hanna Scheibe), die Macbeth später ermorden lassen wird, kommentiert das Geschehen wie ein antiker Chor. Über die Männer hinweg krabbeln drei MangaGestalten mit langen weißen Zottelperücken. Keckernd und kichernd prophezeien die gesichtslosen Hexen Macbeth seine Zukunft – Beginn der mörderischen Unheilsspirale dieser Shakespeare-Tragödie (hier in der schlanken Übersetzung von Thomas Brasch).

Denn um die Prophezeiung zu erfüllen, bringt der loyale Macbeth den König um, angestachelt von seiner ehrgeizigen Frau, die ihn bei seiner Ehre und Männlichkeit packt. Zwischen der Lady und ihrem Mann herrscht flirrende Erotik. Thomas Loibl trägt Sophie von Kessel auf den Armen, sie küssen sich im stürmischen Balzen, tanzen später selbstvergessen einen Musette-Walzer. Doch Macbeth führt Krieg gegen alle potentiellen Mitwisser und Gegner. Und gegen sich selbst. Loibl spielt beeindruckend die anfänglichen Skrupel, den folgenden Machtzwang und das Verlöschen eines Egos. Irgendwann lässt er nur noch schicksalsergeben sein Schwert pendeln. Auch der Lady raubt die Schuld alle Koketterie und Kraft: Sophie von Kessel hat ihren stärksten Auftritt mit dem selbstverlorenen Wahnsinnsmonolog. Die Liebe hat sich da längst erledigt.

Das Halbrund hinter dem Podest leuchtet mal flammend brandgelb, mal blutrot, am Ende herrscht nur noch kaltes, fahles Grau. Keine Zukunft, nirgends. Dem Thronerben (Mathilde Bundschuh; Kriegenburg lässt beide Duncan-Söhne von Frauen spielen) bleibt wohl nur der Weg in neue Tyrannei. Man sieht wunderbare Schauspieler: Arnulf Schumachers König Duncan schwankt angetrunken, Thomas Lettows Banquo misstraut schnell, zwei zynische Komiker (Jeff Wilbusch, Thomas Gräßle) schwingen sich als Auftrags-Killer zirkusreif an Seilen aufs Podest. Die Selbstvorwürfe des Widerständlers Macduff, der seine Familie schutzlos der Ermordung überließ, besingt René Dumont zur Gitarre mit »Hurt« von den Nine Inch Nails (das wäre verzichtbar), seine Frau (Hanna Scheibe) trommelt sich ihre Wut auf ihn aus dem Leib.

Aufgepflanzte Schwerter, eine umgeworfene, illuminierte Festtafel, die Lanzen werden zum wandernden Wald, der finale Zweikampf ohne Waffen endet in einer fast vampirhaften Umarmung. Kriegenburg schafft mit wenigen Mitteln und seinen starken Schauspielern Bilder von strenger Schönheit. ||

MACBETH
Residenztheater | 17., 18. Feb., 16., 17., 27. März, 19 Uhr
Tickets: 089 21851940