Es war lange ruhig um Patricia Kaas. Nun ist die Grande Dame des Chansons mit nueen Liedern, neuen Intentionen unterwegs.

Patricia Kaas | © Yann Orha

Aus heutiger Perspektive würde sie wahrscheinlich ihrem damaligen Ich nicht raten, ihren Beruf zu ergreifen, meinte Patricia Kaas unlängst in einem Interview. Er sei doch sehr fordernd und könne jemanden an den Rand seiner Möglichkeiten bringen. Tatsächlich hatte die Newcomerin 1988, als gerade ihr erstes Album »Mademoiselle chante le blues« erschienen war und sich zu einem Überraschungserfolg der von Plastikpop gesättigten Achtziger entwickelte, so sehr Gas gegeben, dass die Musikwelt nur so staunte. Schon zwei Jahre später ging sie auf eine Welttournee, die 16 Monate dauern sollte, wiederum nur wenig später galt sie, obwohl noch in ihren Zwanzigern, bereits als Grande Dame des neuen französischen Chansons.

Das war beeindruckend, aber in mancher Hinsicht auch eine Flucht in die Öffentlichkeit. Denn nur kurz
nach ihrem Debüt starb Kaas’ Mutter, ein Verlust, der die Tochter aus kinderreichem Lothringer Hause tief traf und der sie nicht zuletzt dazu brachte, sich mit unbändiger Energie in ihre Musik zu stürzen.
Inzwischen hat Patricia Kaas einige Krisen hinter sich gebracht. Und sie hat beschlossen, nach 13 Jahren, in denen sie sich vor allem den Liedern der anderen, wie etwa von Edith Piaf, gewidmet hat, sich mit neuen eigenen Songs auf Platte und der Bühne zurückzumelden.

Musikalisch knüpft das schlicht »Patricia Kaas« betitelte Album an die Vorgänger an. Folk, Chanson, ein wenig Jazziges und auch eine Prise radiotauglichen Pop präsentiert die Sängerin mit der emphatisch vibrierenden Stimme, als wäre kaum Zeit vergangen. Die Texte jedoch, die sie sich von verschiedenen
Autoren eigens hat schreiben lassen, setzen neue Akzente. Liebe gehört immer noch dazu, wird aber gesäumt von Zweifel, stellenweise sogar Sperrigem. »La maison en bord de mer« etwa beschäftigt sich mit Inzest, einem der wenigen Tabuthemen der Gegenwart, »Adèle« erklärt einer Jugendlichen das Leben aus der Perspektive der Erwachsenen, »Cogne« handelt von häuslicher Gewalt gegen Frauen. Dem Ernst stehen auf der anderen Seite Stücke wie »Madame tout le monde« gegenüber, die mit bewährter Leichtigkeit bereits ihren Weg in die Radios gefunden haben.

Sie ist also wieder da und macht sich auf den Weg. Anfang Januar startet Patricia Kaas ihre Europatournee, die sie über Monate hinweg in die großen Hallen führen wird. Sie hat eine neue Band an ihrer Seite, ein Repertoire, an dem ihr viel liegt, und versteht sich mehr denn früher als Botschafterin einer künstlerischen Unmittelbarkeit, die nicht nur dem schönen Schein des Entertainments huldigt. Es gehört dazu, ist ein Medium, um Momente des Glücks zu transportieren. Aber am Ende geht es um den Einzelnen. Sie habe erst 50 werden müssen, räsoniert Kaas, um zu lernen, dass sie keine Maschine sei, sondern ein Mensch. Die Erkenntnis dieser neu gewonnenen Freiheit gibt ihr die Kraft, sich wieder intensiv der Musik zu widmen. ||

PATRICIA KAAS
Philharmonie| 6. Feb.| 20 Uhr
Tickets: 089 548181 81 | Offizielle Website