…den der Verstand nicht versteht.« Mit »Nosferatu«, »Tabu« und »Sunrise« schrieb Friedrich Wilhelm Murnau Kinogeschichte. Noch bis Februar widmen das Lenbachhaus und das Filmmuseum München dem Meister der Stummfilmzeit eine Hommage, in der sich zeitgenössische Regisseure in Filmessays und Kurzfilmen mit dem Werk Murnaus auseinandersetzen. Auch Alexander Kluge hat zur Ausstellung einen filmischen Essay beigetragen. Wir sprachen mit dem literarischen Autor und Filmemacher über die besondere Magie Murnaus und sein künstlerisches Erbe.

Alexander Kluge | © Markus Kirchgessner

Herr Kluge, Sie sind ein ausgewiesener Sammler kultureller Relikte. Um welches Fundstück handelt es sich bei Friedrich Wilhelm Plumpe alias F.W. Murnau?
Alexander Kluge: Es handelt sich um ein Herzstück, das ich in mir finde und das in mir glüht. Und es ist überhaupt nicht ein Relikt, sondern das ist Gegenwart für mich, solange ich lebe. Murnau ist einer der ganz großen Meister, von dem unsereins gelernt hat. Wir Autorenfilmer sind im Grunde Anhänger des
Stummfilms, also der großen Zeit der Filmgeschichte vor Hollywood. Das gilt für Godard genauso wie für mich.

Werner Herzog beruft sich ja ebenso stark auf Murnau als Vater des deutschen Films …
Genauso wie Edgar Reitz. Dazu könnte ich Ihnen jetzt eine ganze Latte von Genossen nennen, die alle sozusagen Bauarbeiter an der Filmgeschichte sind und an den sogenannten Gebrauchsfilm nicht so sehr glauben. Damit will ich sagen, dass Murnaus Filme sogar ganz dringend gebraucht werden! Nur unterwirft er sich eben nicht dem Gedanken, möglichst unterhaltsam zu erzählen. Film ist immer dialogisch! Insofern ist kein grundlegender Unterschied da, zwischen den Autorenfilmern und den Experten des Konfektionsfilms. Der Unterschied ist, ob eine Bank, ein Verleiher oder ein System den Inhalt eines Films bestimmt – oder ob Sie persönlich verantwortlich sind: Und Murnaus Filme sind immer persönlich.

Als Sie von Karin Althaus, der Kuratorin der Murnau-Hommage im Lenbachhaus, gefragt wurden, ob Sie einen Filmessay beisteuern möchten, hatten Sie sofort zugesagt. Gleichzeitig erklärten Sie, dass das eigentlich gar nicht ginge, »weil Murnau als Regisseur so unglaublich perfekt, so vollkommen ist, dass man da als Essayist nicht einfach eingreifen kann«. Warum haben Sie dann trotzdem mitgemacht und sich von Neuem mit Murnaus Faust auseinandergesetzt?
Man kann ja, wenn man jemanden extrem respektiert, in Form einer Hommage, also eines Kommentars, damit umgehen. Man kann Murnau nicht nachahmen wollen. Man kann auch keine Augenhöhe mit ihm herstellen. Was man kann, ist: sich anregen lassen und sich auf Einzelheiten konzentrieren. Sehen Sie: Faust fliegt bei Murnau zum Beispiel über die Alpen nach Parma …

Was so bei Goethe natürlich nicht nachzulesen ist.
Das ist die phantasmagorische Reise zur schönen Herzogin von Parma. Mephisto und Faust zaubern an deren Hof. Diese Phantasmagorie, die es bei Goethe nicht gibt, fesselt mich besonders, und deswegen interessieren mich schon die Bilder vom Hinflug.

Wie zum Beispiel dieser Wasserfall vor dem Abgrund …
Faust überfliegt die Alpen, und man sieht einen Abgrund. Ganz unten ein Sturzbach. Also habe ich den Sturzbach gefilmt. Bei großen Meistern hält man sich am besten an solche Einzelheiten. Der Filmbesucher nimmt sie nicht immer wahr. Es gehört zu guten Filmen, dass eine vorhergegangene Szene von der nachfolgenden, wenn die den Zuschauer überrascht, gelöscht wird. Sie wissen in der 41. Minute nicht mehr, was Sie in der 20. gesehen haben. Und bei Murnaus Filmen können Sie nicht alle elementaren Einzelheiten bewusst verfolgen. Gerade für sie interessiert sich der Filmemacher.

Überhaupt spielt Wasser, ob als Wasserfall oder Schnee, bei Murnau eine zentrale Rolle: Viele seiner Filme beginnen mit diesem Element. Noch mehr enden auch damit. Viele sehen darin symbolisch eine gewisse melancholische Todessehnsucht. Wie ergeht es Ihnen dabei?
Ich glaube nicht, dass man Murnau auf Todessehnsucht allein festlegen kann. Er ist immer vielstimmig. Murnau arbeitet mit einem »Libellenauge«, mit 1000 Facetten. An jede dieser Facetten, es sind auch hoffnungsvolle, sehnsüchtige, »utopische« dabei, können wir Filmemacher heute neu anknüpfen. Das sind Embryonen neuer Filme, in Murnaus Film vielleicht nur 20 Sekunden lang. So pflanzt sich Filmgeschichte fort.

Friedrich Wilhelm Murnau auf seiner Yacht »Bali« 1929/30
© Deutsche Kinemathek Berlin

Stichwort Filmgeschichte: Eric Rohmer hat beispielsweise über Murnaus »Faust« promoviert und sich dabei – ähnlich wie Sie in Ihrem Ausstellungsbeitrag – intensiv mit der deutschen Romantik auseinandergesetzt. Wie deutsch war Murnau in Ihren Augen als Künstlergestalt?
Sagen wir: Er ist ein mitteleuropäischer Künstler. »Mitteleuropa« ist in seinem Denken etwas generöser, nicht so präzise definiert wie »Frankreich«. In Millionen Pariser Dialogen über Jahrhunderte hat sich dort die Rationalität zugespitzt. Das ist im östlicheren Gelände anders. Das Herz hat hier einen Verstand, den der Verstand selbst nicht versteht. Das ist der Leitsatz, der über allen Murnau-Filmen stehen könnte.

Im Hinblick auf Murnaus gesamtes Œuvre fällt auf, dass ihm das Kunststück gelang, sich mit jedem seiner Filme neu zu erfinden: Keiner gleicht dem vorherigen und trotzdem schimmert stets seine typische Handschrift durch, obwohl es darunter kantianische, melancholische, idealistische, aber auch typisch expressionistische Filme gibt. Wie definieren Sie diesen besonderen »Murnau-Touch«?
Die »kantianische Leseweise« teile ich mit ihm. Aber er hat noch tausend andere. Seine Filme unterscheiden sich ganz deutlich, sie sind sehr individuell: Jeder hat einen anderen Fingerabdruck. Gleichzeitig können Sie aber sagen, dass Murnau immer Murnau ist. In jedem Film kommt die gesamte Skala seiner Empfindungen und Aufmerksamkeiten zum Ausdruck. Das heißt: Murnau hat nicht ein Auge, das auf eine Hauptsache gerichtet ist und dabei das ganze Übrige vergisst, sondern er arbeitet mit dem Auge sehr intelligenter Lebewesen, die anders funktionieren als der menschliche Durchschnittsblick. Wie gesagt: Murnau hat ein Facettenauge. Murnau kann gleichzeitig alles Verschiedenartige sehen und führt
es in Reibung gegeneinander.

Für mich sind Murnaus Filme in erster Linie auch »Rhythmus-Filme« aus dem Geiste des Dadaisten Hans Richter: Er war ein avancierter Raum- und Zeiterzähler.
Ich teile diese Ansicht. Hans Richters »Rhythmus 21« und einen Murnau-Film könnten Sie elektronisch verbinden. Heraus käme immer ein Rhythmus.

Wenn man nun einen Murnau-Film aus der parallel im Filmmuseum stattfindenden Retrospektive für das kulturelle Weltgedächtnis heraussuchen müsste: Welcher wäre das für Sie – und warum?
Für mich wäre es der Zusammenhang aller Murnau-Filme: Ich würde da den gesamten Farbkasten von ihm vorschlagen. Im Notfall könnte ich auch auf die Einzelsequenzen gehen. Aber im Grunde interessiert mich die Gesamtheit all seiner Filme.

Diese spezielle Murnau-Palette eben.
Genau – und die ist mir lieber als eine einzelne Murnau-Arie.

Fritz Lang meinte im Rückblick, dass er für den Film den eigentlichen Grundstock gelegt habe: in künstlerischer wie in technischer Beziehung.
Richtig. Murnau ersetzt 17 Filmhochschulen! ||

FRIEDRICH WILHELM MURNAU – EINE HOMMAGE
Mit Filmessays von Alexander Kluge, Ulrike Ottinger, Guy Maddin
u.a. | Städtische Galerie im Lenbachhaus, Luisenstr. 33
Ausstellung bis 26. Februar| Mi–So/Fei 10–18 Uhr, Di bis 20 Uhr

RETROSPEKTIVE FRIEDRICH WILHELM MURNAU
Filmmuseum München| St. Jakobs-Platz 1 |bis 18. Februar
vollständiges Programm und Spielzeiten unter:
www.muenchner-stadtmuseum/filme.html