In ihrem Theaterprojekt »Don’t forget to die« erforscht Karen Breece mit fünf hochbetagten Protagonisten, was Sterben für das Leben bedeutet.

Rosemarie Leidenfrost (93 Jahre); Uta Maaß (88 Jahre); Livia Hofmann-Buoni (78 Jahre) C: Sophie Averkamp

Dass Tod und Sterben in unserem von Arbeits- und Freizeitstress (fremd-)bestimmten Alltag verdrängt werden, ist fast schon ein Gemeinplatz, das zu ändern indes gar nicht so leicht. Wie kann man fragen, ohne aufdringlich zu wirken? Wer ist bereit, seine Gedanken, Gefühle und Ängste zu teilen, wenn das Unvermeidliche näher rückt?

Unter dem keineswegs zynisch gemeinten Titel »Don’t forget to die« hat sich die deutsch-amerikanische Theatermacherin Karen Breece, bekannt für ihre ungewöhnlichen szenisch-dokumentarischen Recherchen, darangemacht, gemeinsam mit fünf betagten Mitspielerinnen und Mitspielern die Sicht auf die letzten Dinge zu erforschen und auf dieser Basis einen Theaterabend zu entwickeln, dessen Fokus bei aller Jenseitsnähe vor allem auch auf dem Leben im Hier und Jetzt liegt. Theater ist für Breece in erster Linie eine spezielle Form, Fragen zu stellen, etwas zur Sprache, ins Spiel oder auch nur ins Bewusstsein zu bringen, von dem man sich sonst keine genaue Vorstellung macht.

Ein Auslöser für das aktuelle Projekt war der Satz »Ich wurde gelebt«, den die über hundertjährige Marylka Bender 2013 bei der Vorbereitung zu Breece’ Theaterprojekt »Was wir liebten« über Lebensgefühle im Alter geprägt hat. »Dieser Satz ist bei mir hängen geblieben«, sagt Breece, »und natürlich kommt man dann sehr schnell auch auf die Frage, welche Rolle der Tod dabei spielt.« Während der Arbeit an anderen Produktionen – »Dachau // Prozesse«, eine Rekonstruktion der Gerichtsverhandlung gegen Konzentrationslagerverbrecher am Originalschauplatz, und »Welcome to Paradise« über den behördlichen Umgang mit Asylbewerbern – reifte die Idee. Ein Jahr lang führte sie daraufhin Gespräche über das Sterben, mit alten Menschen, aber auch mit Hebammen, Sterbebegleitern, einer Krankenschwester, einem Pfarrer, die sich teils über persönliche Kontakte, teils über einen Aushang in Altenheimen bei ihr gemeldet hatten.

»Der Tod ist im Grunde nichts weiter als ein Narrativ«, so Breece, »Jeder erzählt seine eigene Geschichte davon.«Bei der endgültigen Besetzung für die Produktion spielte schließlich auch die Altersgrenze – in diesem Fall nach unten – eine Rolle. Aber auch so erstreckt sich die Spanne immer noch über zwei Jahrzehnte, wobei Ex-Kammerspiele-Schauspielerin Ursula Werner mit 73 die Jüngste (und die einzige professionelle Darstellerin) und Rosemarie Leidenfrost mit 93 die Älteste im Bunde ist. Fünf Lebensperspektiven, fünf verschiedene Glaubenskonzepte werden so miteinander konfrontiert. »Unter den Spielerinnen und Spielern finden sich Agnostiker, Spirituelle, praktizierende Christen und Pantheisten«, beschreibt Breece das weltanschauliche Spektrum. Dabei ist das, was auf der Bühne des HochX zu sehen sein wird, kein Lippenbekenntnis, sondern Theater mit allen Mitteln, die zur Verfügung stehen. Musik wird dabei, wie im Leben einiger der Akteure, eine wichtige Rolle spielen, Videoaufnahmen erlauben Einblicke in deren Zuhause. Manches ist autobiografisch oder dokumentarisch, dann wieder überschreibt Breece die authentischen Aussagen mit eigenen oder literarischen Texten, um so Distanz einzuziehen.

Denn schließlich geht es ihr immer auch um das Spannungsfeld von Authentizität und Fiktionalität, um die Frage, welche Aspekte von Tod und Sterben tatsächlich auf der Bühne darstellbar sind. Auch wenn Probenarbeit und szenische Umsetzung altersbedingt dem Prinzip »es geht nur, was geht« folgen müssen, empfindet Breece das nicht als Einschränkung. »Es ist ein Privileg, wenn man mit so alten Menschen arbeiten darf, schon weil man es mit fünf prallen Leben zu tun hat. Da gibt es so viele Geschichten, und diese Menschen haben so viel zu sagen.« Dazu braucht es auf allen Seiten große Offenheit und Mut zur Ehrlichkeit, und natürlich finden auf den Proben auch mal Auseinandersetzungen statt. Breece geht es dann darum, gemeinsam den richtigen Weg zu finden, und das gelingt, bei aller Schwere des Sujets, am besten mit Leichtigkeit. ||

DON’T FORGET TO DIE
HochX| Entenbachstr. 37 | 26., 28., 31. Jan., 2., 4. Feb.| 19 Uhr
Tickets: 089 90155102 | www.muenchenticket.de