Das funktioniert so nicht in Sophokles’ Tragödie »Antigone«. Hans Neuenfels inszenierte im Residenztheater – und das funktioniert auch nicht.

Antigone (Valery Tscheplanowa) vor König Kreon (Norman Hacker)  © Matthias Horn

Antigone (Valery Tscheplanowa) vor König Kreon (Norman Hacker)
© Matthias Horn

»Der Krieg ist vorbei. Das Lied der Vögel könnte beginnen.« So steht es groß an der impressionistisch zartblau gemalten Rückwand. Doch das Lied der Vögel ist unheilvolles Möwengekreisch, und das Kriegsende bedeutet keinen Frieden. Ödipus’ Söhne Eteokles und Polyneikes haben sich im Kampf um die Herrschaft in Theben gegenseitig erschlagen. Der neue König Kreon erklärt Eteokles mit einem Ehrenbegräbnis zum Helden und Polyneikes zum Staatsfeind, dessen Leiche den Vögeln zum Fraß dienen soll. Das Bestreuen mit Erde – die rituelle Bestattung – ist bei Todesstrafe verboten. Antigone, der Schwester der beiden, gelten die Brüder gleich. Sie stellt das Gesetz der Götter über das Gesetz des Herrschers, Menschlichkeit über Recht. Ihren Aufstand bezahlt sie mit dem Leben.

Sophokles’ 2500 Jahre alte Tragödie verhandelt den Konflikt von Macht gegen Moral, Staatsgewalt gegen Ethik. Ein Konflikt, der in allen heute lodernden Kriegen hochaktuell ist. Und wenn der 75-jährige Altmeister Hans Neuenfels »Antigone« im Residenztheater inszeniert, erwartet man von ihm auf jeden Fall etwas Provokation. Doch dagegen steht der düstere Museumsraum des Bühnenbilds von Katrin Connan: Aus zwei großen Transportkisten blicken beschädigte, notdürftig fixierte Statuen auf die Szene – vielleicht Götter oder die toten Brüder. Auf einem Schrankregal sitzt, quasi als Hausmeisterin, Elisabeth Trissenaar: Neuenfels’ Ehefrau und langjährige Protagonistin – hier erstmals weißhaarig – übernimmt die Rolle des Chors, verschmolzen mit der Rolle der Amme des Hauses. Eine versöhnliche, trost- und ratspendende Oma aus der Antike.

Die Aufführung bleibt enttäuschend altbacken und staatstheaterlich. Trotz der großartigen Valery Tscheplanowa: Ihre Antigone schreit anfangs nur. Auch die anderen tönen meist überlaut. Ist Neuenfels nach 16 Jahren Opernregie fürs Sprechtheater ertaubt? Erst später darf Tscheplanowa ihre wunderbare, differenzierte Sprachkunst etwas leiser entfalten. In Fesseln zeigt sie dann auch ihre Körperkunst: Jede Faser gespannt, aufrecht und hart gegenüber sich selbst und Kreon. Norman Hacker kann nicht raus aus Kreons Schlächterschürze unter dem Sakko (die scheußlichen Kostüme verantwortet Michaela Barth), und er kann bei allem Verständnis für Antigone und seinen mit ihr verlobten Sohn Haimon nicht raus aus seiner Amtspflicht. Er windet sich, winselt, weint, legt den Kopf in den Schoß der Amme.

Die Nebenfiguren scheinen als unpassende Fremdkörper der Commedia oder Hollywood entsprungen: Jörg Lichtenstein legt als Wächter eine zirkusreif komische Nummer hin, ähnlich der Bote (Thomas Huber). Kreons Frau (Anett Pachulski) steht bei ihrem einzigen Auftritt wie eine Barbiepuppe reglos im tief dekolletierten Glitzerkleid. Bei der Nachricht vom Selbstmord ihres Sohnes knickt sie kurz ein und stöckelt davon. Am schlimmsten ergeht’s Michele Cuciuffo als blindem Seher Teiresias: Er muss ihn als wild zuckenden, irren Epileptiker spielen, den man im Morgenmantel mit seinem Käfig-Laufstall aus der Psychiatrie rausgeschoben hat. Da haben Christian Erdt und Anna Graenzer Glück: Sie dürfen als verzweifelt Liebender und nicht so mutige Schwester ernsthafte Gefühle zeigen.

Kreon krümmt sich am Ende zum blutbesudelten Bündel: Er hat Frau und Sohn verloren. Und die Macht: Seine Soldateska mit den schwarzen Augenbalken lässt ihn im Stich. Ist der Krieg vorbei? Welche Vögel werden nun singen? Neuenfels’ disparate Inszenierung bleibt die Antwort schuldig. ||

ANTIGONE
Residenztheater| 24. Jan., 16., 20., 25. Feb.| 20 Uhr
Tickets: 089 21851940 | Residenztheater