Der Schauspieler Shenja Lacher hat vor Kurzem am Resi gekündigt. Jetzt inszeniert er erstmals selbst – mit Studenten der Theaterakademie.

Shenja Lacher mag die Doppeldeutigkeit | © privat

Shenja Lacher mag die Doppeldeutigkeit | © privat

So jemand ist rar im Mediengeschäft: Der meint nämlich, was er sagt. Und vor allem sagt er, was er meint. Publikumsliebling Shenja Lacher hat im vergangenen Herbst nach neun Jahren am Residenztheater seinen Vertrag nicht verlängert und die Gründe öffentlich benannt. Seine Kritik an den Theaterstrukturen und am Führungsstil mancher Intendanten konterte der Resi-Chef, der sich angesprochen fühlte, umgehend in Zeitungsinterviews mit den üblichen Beschönigungen: Am Theater sei man eine große Familie und Fluktuation im Ensemble ganz normal.

Zu dem Thema will Shenja Lacher zunächst nichts mehr sagen, weil er dann jedes Wort auf die Goldwaage legen müsste. Er redet lieber frei von der Leber weg oder gar nicht. Aber wenn am Resi drei exzellente Schauspielerinnen wie Valery Tscheplanowa, Genija Rykova und Valerie Pachner kündigen und an den Kammerspielen zeitgleich ebenso exzellente Kolleginnen wie Brigitte Hobmeier (die ihre Begründung auch publik machte), Anna Drexler und Katja Bürkle, denkt er doch heftig nach, ob ein Schauspieler noch als Persönlichkeit zählt oder als Darsteller-Performer beliebig austauschbar ist.

Lacher will kein Dozenten-Inventar sein. Er will, dass man sich auf ihn freut

Als Schauspieler wird Shenja Lacher nur noch in wenigen Vorstellungen als »Prinz von Homburg« und als Odysseus in »Philoktet« zu sehen sein. Aber vorher gibt der 38-Jährige sein Regiedebüt: Mit fünf Studenten der Theaterakademie inszeniert er die boulevardeske Komödie »Die ganzen Wahrheiten«. Seine Inszenierung ist der erste Teil des Doppelabends »Wahrheiten und Wirklichkeit«, mit dem sich der dritte Jahrgang des Studiengangs Schauspiel präsentiert. Mit dem anderen Teil der 13-köpfigen Klasse erarbeitet der Schauspieler Dimitrij Schaad ein eigenes Projekt, »Die Konsistenz der Wirklichkeit«, als Koautor ist Schaads Bruder Alex dabei, der mit »Invention of Trust« in Hollywood den Studenten-Oscar gewann.

Jede Inszenierung muss sich auf eine Stunde beschränken: Weil bei diesen Aufführungen Intendanten und Caster auf der Pirsch sind, sollen alle Darsteller zu gleichem Recht kommen. Unter dem Kürzungszwang stöhnt Lacher: »Die Studenten hatten so viele tolle Ideen, dass wir locker vier Stunden füllen könnten. Und ich find’ ja aus dem Spielen auch nicht raus.« Seit fast sechs Jahren unterrichtet er sowohl an der Otto-Falckenberg-Schule wie an der Bayerischen Theaterakademie Szenen- und Rollenstudium. Er erarbeitet mit je zwei, drei Studenten vorsprechtaugliche Szenen und Monologe, nach einem Monat kommen die nächsten Kandidaten dran. Die Arbeit mit Schülern macht ihm wahnsinnig Spaß. Aber er will nicht als fest angestellter Dozent zum Inventar gehören, sondern ab und zu hinkommen: »So dass die sich auf mich freuen und ich mich auch auf sie.«

Wie ist das jetzt für ihn, als Regisseur auf der anderen Seite zu stehen? »Schlimm«, lacht er. »Ich muss mich immer zusammenreißen, nicht auf die Bühne zu springen und vorzuspielen.« Lässt er seinen Darstellern Freiraum oder macht er viele Vorschläge? »Ich gebe sehr viel vor, ich kann nicht anders. Ich bin auch sehr laut und plappere dauernd rein. Das muss furchtbar für die sein.« Ein fertiges Regiekonzept verfolgt er nicht, hat aber stets Alternativ-Vorschläge im Hinterkopf. »Ich hab’ ja noch keinen Regiestil. Das macht es spannend für mich und die anderen. Ich weiß nur sehr genau, was mir gefällt. Ich arbeite gern mit Brüchen und mit viel Fantasie, um Figuren vielseitig zu kreieren und Geschichten zu erfinden. Und ich achte sehr darauf, dass alle fünf gut zur Geltung kommen.« Das ist auch für ihn anstrengend: »Nach drei bis vier Stunden Vormittagsprobe bin ich platt.«

Kaum wurde bekannt, dass er erstmals Regie führt, kamen auch schon Regie-Angebote von anderen Theatern, darunter einige sehr verlockende. Aber er will sich Zeit lassen. »Das jetzt mal von der anderen Seite anzugucken, ist das Beste, was ich nach meinem Ausstieg machen kann.« Er wird weiter unterrichten. »Die Arbeit macht mir Spaß. Ich glaube, ich kann ganz gut Selbstbewusstsein mitgeben und ein gutes Gefühl vermitteln. Ich sehe das Brennen in den Augen, das ich auch habe. Ich bin ja nicht leergespielt.« Er will einfach eine Auszeit nehmen von den Spielplan-Verpflichtungen, die es zu oft schwierig machten, anderen wichtigen Verpflichtungen nachzukommen.

Starkes Gefühl ist nicht alles

Auszeit heißt nicht Freizeit: Es geht gleich »knackig« weiter mit Hörbuch-Aufnahmen und Dreharbeiten ab März. Lacher liest viele Drehbücher und sucht Rollen sehr genau aus: »Was hab’ ich noch nicht gespielt? Wo gibt’s was Neues für mich? Damit kann ich auch scheitern. Aber dann ist’s gut, dass ich’s gemacht habe. Ich hüte mich davor, Masse zu machen.« Das leidenschaftliche Brennen in den Augen ist das eine, den Mund aufzumachen, das andere: »Schauspieler müssen auch mal beim Regisseur nachfragen, warum. Auch wenn man dann vielleicht als schwierig gilt. Eine Haltung haben. Etwas zu sagen haben.«

Auch das will Lacher dem Nachwuchs vermitteln: Mit starkem Gefühl allein ist es nicht getan. »Denken ist wichtig. Fantasie ist wichtig! Man muss eine Grundenergie haben, eine Spannung im Raum zu anderen Figuren herstellen. Nicht nur das eigene Ich muss die Rolle prägen und nur die eigene kleine
Erfahrungswelt reicht oft nicht aus, um einer Rolle näherzukommen und einem Richard oder Hamlet gerecht zu werden. Dafür muss man erst mal Material sammeln – und das kann ich jetzt wieder tun.« Man darf also vermuten, dass er dem Theater nicht verloren geht. Vielleicht sieht man ihn irgendwann als Richard III. Das Feuer in den Augen brennt. ||

WAHRHEITEN UND WIRKLICHKEIT
Akademietheater Mitte im Prinzregententheater, Rgb.
18., 20., 21., 24., 26.–28. Jan.| 20 Uhr | Tickets: 089 21851970
tickets@theaterakademie.de