Wie bei seinen früheren Werken »Step Across the Border« und »Middle of the Moment« ist Nicolas Humbert auf eine lange Reise gegangen. Davon mitgebracht hat der Münchner Filmemacher »Wild Plants«, ein kleines dokumentarisches Kunststück, das einmal mehr formal einzigartig ist und auch inhaltlich neue Wege weist

Der Münchner Filmemacher Nicolas Humbert  | © Real Fiction

Der Münchner Filmemacher Nicolas Humbert | © Real Fiction

Nicolas Humbert hat einen neuen Film gemacht. Das ist an sich nichts Ungewöhnliches, schließlich arbeitet er schon seit vielen Jahrzehnten als Regisseur. Für mich persönlich aber hat diese Tatsache etwas sehr Bedeutsames, verknüpfe ich doch seinen Namen mit einem Kinoerlebnis auf dem Filmfest München 1986. Damals lief dort seine Dokumentation »Wolfsgrub«, ein ebenso intensives wie zartfühlendes Porträt seiner Mutter, das mich sehr beeindruckte.

Ich erzähle Humbert davon, als wir gerade in der urgemütlichen Wohnküche seiner Altbauwohnung im Glockenbachviertel sitzen. »Das trifft sich gut«, murmelt er darauf, verschwindet kurz und kehrt wenig später zurück – eine DVD von »Wolfsgrub« in der Hand: »Da habe ich was für dich«, sagt er, »gerade ist bei Winter & Winter eine sehr schöne Edition herausgekommen.« Tatsächlich liegt die kartonierte Hülle gut in der Hand, auf der in Beige gehaltenen Frontseite ein kleines Schwarz-Weiß-Porträt seiner Mutter, darunter steht in großen blauen Lettern »Wolfsgrub« – ein kleines Booklet mit einigen schönen Fotografien im Innenteil machen neugierig auf das, was sich wohl auf dem Silberling befinden mag …

Er zeigt die Natur und Menschen, die sich darin befinden und in ihr aufgehen.

Doch wir haben uns nicht (nur) getroffen, um über alte Zeiten zu reden. Unser Thema ist »Wild Plants«, Nicolas Humberts neuer Dokumentarfilm, der am 12. Januar 2017 in den Kinos anläuft. Wer mit dem Werk des inzwischen 58-jährigen Filmemachers vertraut ist, der weiß in etwa, was er zu erwarten hat. Ruhige, unaufgeregte Kameraeinstellungen, wenige Schnitte, fast meditativ anmutende Bilder, die lange, sehr lange stehen bleiben, die der Betrachter auf sich wirken lassen kann. Und vor allem Töne. Natürlich auch Musik, man denke nur an seinen wegweisenden »Step Across The Border« über den englischen Musiker Fred Frith (den er 1990 zusammen mit seinem langjährigen Partner Werner Penzel realisierte). Aber in diesem Fall sind es wirklich Töne, und zwar insbesondere jene der atmosphärischen Art. Das Knarzen zerberstenden Eises, das Knacken und Krachen, das beim Fällen eines Baumes entsteht, oder das sanfte Summen des Windes in Gräsern, Blättern, Zweigen – all dies ist in »Wild Plants« zu hören.

Indianische Philosophen und Ökoguerillas

Humbert lässt sich viel Zeit für seine Exposition. Er zeigt die Natur und Menschen, die sich darin befinden, in ihr aufgehen. Nach einer Viertelstunde erst »erlöst« er die Ungeduldigeren unter den Zuschauern, es folgt der erste O-Ton, und man erfährt nach und nach, wohin die Reise geht. »Wild Plants«, das sind zum einen Gewächse, die sich im Brachland ansiedeln, zum anderen aber auch Menschen, die mit bestimmten Projekten nach neuen, anderen Lebenszielen im Einklang mit der Natur suchen. Um diese zu finden, ist der bekennende Kino-Nomade durch die Welt gereist, hat »Urban Gardeners« zwischen den Ruinen Detroits besucht, den weisen Ausführungen des indianischen Philosophen Milo Yellow Hair gelauscht und Maurice Maggi bei dessen nächtlichen Streifzügen durch Zürich begleitet, wo dieser – einem Ökoguerillero gleich – Samen von Distel, Hagebutte oder Kürbis auf Verkehrsinseln und Grünstreifen aussät.

Und schließlich hat Nicolas Humbert auch bei einer Landbaukooperative namens »Jardins de Cocagne« vorbeigeschaut. Diese baut in Eigenregie regionale Produkte an und verkauft sie – frei nach dem Motto »Wir kennen unsere Kunden und die Kunden kennen uns« – an die Bevölkerung der näheren Umgebung. Das französisch-schweizerische Modell könnte beispielhaft für neue Formen von Lebensgemeinschaften stehen, so der Regisseur: »Diese Menschen haben gegenüber den früheren sozialistischen Modellen einen großen Vorteil. Auf der einen Seite steckt da eine ganz starke Individualität dahinter, zum anderen liegt in ihnen die Fähigkeit, sich mit anderen Menschen verbinden zu wollen. Denn diese jungen Leute gehen viel weniger von einer Theorie aus, sie machen einfach, ganz pragmatisch.«

So wie Maurice seine Pionierpflanzen in Zürich verteilt, so könnte auch »Wild Plants« eine Art Vorreiterstellung einnehmen, wenn es um alternative Lebensmöglichkeiten geht. So ähnlich hat dies ein französischer Regiekollege formuliert, was Humbert nicht ohne Freude und ein Gefühl der Bestätigung seiner Arbeit erzählt. Der Sohn eines französisch-schweizerischen Vaters und einer deutsch-jüdischen Mutter war selbst lange auf der Suche nach der Kunstform, in der er all seine Interessengebiete vereinigen konnte: »Ich habe Theater gemacht, gemalt und als ganz junger Mann auch Super-8-Filme gedreht. Ich habe viel geschrieben, Musik gemacht und dann angefangen Architektur zu studieren, weil ich dachte, dass ich dort all diese Elemente verbinden könnte. Irgendwann habe ich dann den Film als das ideale Medium entdeckt, wo ich all das machen kann, was ich gerne tue: unterwegs sein, mit Menschen sein, alleine sein, schreiben. Insofern ist es ein Glücksfall gewesen, dass der Film zu mir kam oder ich zum Film gefunden habe.«

Man mag an dieser Stelle nur wünschen, dass sich dieser Glücksfall, der sich gerade mit »Wild Plants«
wieder manifestiert hat, noch möglichst oft einstellen möge – zum Wohle der Filmkunst und zum Wohle des Unerwarteten, des Überraschenden, des Direkten. Nicolas Humbert bringt es am Schluss unseres Gesprächs, in dem noch so viele meiner Fragen sehr aufschlussreich beantwortet werden konnten, für sich als Filmemacher auf den Punkt: »Das Wichtigste ist, dass man von seinem Leben inspiriert ist und weiter auf Entdeckungsreise bleibt.« ||

WILD PLANTS
Deutschland, Schweiz 2016 | Drehbuch und Regie: Nicolas Humbert | Mit: Maurice Maggi, Milo Yellow Hair, Kinga Osz, Andrew Kemp und den Mitgliedern der Landbau-Kooperative »Les
Jardins de Cocagne« | 108 Minuten | Kinostart: 12. Januar

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