Der Cellist Ernst Reijseger vertont die Filme von Werner Herzog. Und nicht nur das.

Ernst Reijseger (l.) vertont Werner Herzogs Bilder | © Krijn van Noordwijk

Ernst Reijseger (l.) vertont Werner Herzogs Bilder | © Krijn van Noordwijk

Die andere Seite des Ernst Reijseger heißt »The Volcano Symphony« und ist das erste orchestrale Großwerk des holländischen Cellisten. Es hat ihn lange beschäftigt, mehr als ein halbes Jahr, bis er im Juni dieses Jahres Aarón Zapico und dem von ihm geleiteten Barockorchester Forma Antiqua die
Partituren zur Umsetzung vorlegen konnte. Aber die Mühe hat sich gelohnt, denn die vulkanische Symphonie ist ein faszinierend klangdichtes und atmosphärisch konzentriertes Suitenwerk in elf Teilen, das in Verknüpfung der Sopranstimme von Eugenia Boix und der Schichtungen, Harmonisierungen und Texturen des Ensembles sich vor der Urgewalt des Natürlichen und deren Schattierungen verneigt.

Für Ernst Reijseger ist dieses Spiel mit Reduktion und Opulenz einerseits Neuland, knüpft aber auf der anderen Seite auch an eine langjährige Erfahrung in der vielfarbigen Arbeit mit Filmen an. Denn seit 2004 kümmert er sich als Musikvertrauter und manchmal Widerpart von Werner Herzog um die Vertonung von dessen Filmen, wie auch aktuell beim Soundtrack zu »Salt & Fire« (Rezension siehe S. 19). Es ist eine herausfordernde Auseinandersetzung mit ästhetischen Inhalten, die viele Ebenen hat. »Ich kann diese Arbeit in mehrere Stücke aufteilen«, erklärt Reijseger mit Blick auf die Unterschiede zu seinen rein musikalischen Aktivitäten, die ihn sowohl in die Gefilde der Improvisation wie der zeitgenössischen Klassik und der Performancekunst führen.

Risiko und Erfolg

»Zum einen gibt sie mir eine neue, veränderte Plattform, mich auszudrücken, für meine gesamte Musik, egal ob sie nun im Film erscheint oder nicht. Ich denke immer an Musik, an Besetzungen, an Leute,
mit denen ich etwas machen wollte. Und zum anderen ist die Disziplin grundverschieden vom Konzertspielen. Für ›Salt & Fire ‹beispielsweise gab es ein Budget, das es mir ermöglichte, Kollegen wie den Flötisten Erik Bosgraaf und den Akkordeonisten Luciano Biondini einzuladen, was mir sonst kaum möglich gewesen wäre. Wir haben diesmal tatsächlich fast alles direkt zur Leinwand gespielt, in München in einer Kirche.«

Risiko und Erfolg hängen dabei eng zusammen. Üblicherweise werden Filme zunächst mit Layer-Musik aus dem Computer unterlegt, was für den ersten Klangeindruck hilft, allerdings oft auch festlegt. Für einen Regisseur heißt es dann, die Distanz zu dem Konservenvorschlag zu wahren, was selbst Profis nicht immer gelingt. Werner Herzog und Ernst Reijseger jedoch begegnen sich mit großen künstlerischem Grundvertrauen, und so ist auch die Musik Teil des Schaffens-, nicht nur des Produktionsprozesses:

»Es gibt eine gewisse Synchronizität. Werner erzählt viel von seinem Projekt, diesmal habe ich den quasi fertigen Film erst kurz vor der Aufnahme gesehen. Manchmal gibt es Streit, es gibt alles, Werner neigt ein wenig zur Ungeduld. Es muss ja oft erst einmal geprobt werden, bis der von mir und von den Musikern erträumte Sound entsteht. Und natürlich ist es sein Film, er hat die Wahl. Aber am Ende hat er auch bei ›Salt & Fire‹ sehr viel von dem übernommen, was wir angeboten haben.« Dem Film tut diese Arbeitsweise gut, der Musik auch. ||

ERNST REIJSEGER
Salt & Fire / The Volcano Symphony | Winter & Winter
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