Mit »Into the Inferno« untermauert Werner Herzog seinen Namen als großer Dokumentarfilmer. Sein neuer Spielfilm »Salt and Fire« hingegen reicht an dieses Niveau leider nicht heran.

Michael Shannon und Veronica Ferres  in »Salt and Fire« | © Camino Filmverleih

Michael Shannon und Veronica Ferres
in »Salt and Fire« | © Camino Filmverleih

Einer dieser kleinen Albträume: Man steht am Gepäckband und wartet. Nach einer gefühlten Ewigkeit hält es an, und man steht ohne seinen Koffer da. So geht es auch dem Forscherteam um Professor Laura Sommerfeld (Veronica Ferres), die nun ohne Habseligkeiten in Bolivien herumstehen. Die Schwierigkeiten fangen damit aber erst an – und der Zuschauer hat es auch nicht leicht.

Werner Herzog ließ sich für »Salt and Fire« von Tom Bissells Kurzgeschichte »Aral« inspirieren. Von der Story blieb in erster Linie die mysteriöse Entführung des Forscherteams übrig. Dieses sollte die Ausbreitung des Salzsees »Diablo Blanco« im Landesinneren erforschen. Und schon sind sie in den Fängen bewaffneter Unbekannter. Im Grunde nicht uninteressant, aber Herzog lässt seine Geschichte einfach vor sich hin dümpeln. Zwischen Laura und dem Anführer (Michael Shannon) entwickelt sich mit der Zeit so etwas wie ein kleines Stockholm-Syndrom. Die Gespräche über Zerrbilder und einen Kreuzgang aber stürzen ins Nichts. Spannung kommt überhaupt keine auf, Handlung und Figuren bleiben oberflächlich.

In der zweiten Hälfte kommt ein wenig Leben in die Sache: Laura wird mit zwei blinden Kindern und etwas Proviant im salzigen Nirgendwo ausgesetzt. Aber recht schnell verliert auch diese Situation wieder an Biss. In erster Linie sieht man Veronica Ferres’ Bemutterungsbemühungen und ihren steinernen Blick in den Nachthimmel. Als ihr Entführer zurückkommt, reagiert sie nicht, als hätte er sie in der Salzwüste sitzen gelassen, sondern sich an der Kasse vorgedrängelt. Und spätestens bei der unfassbaren Auflösung der ganzen Aktion fragt man sich, ob man wirklich im richtigen Film sitzt.

Aber Vorsicht! Das Thema Herzog sollte man jetzt nicht voreilig abschreiben. Wer einen Netflix-Account besitzt, kann sich von seinem großartigen Dokumentarfilm »Into the Inferno« berauschen lassen. Zusammen mit dem Vulkanologen Clive Oppenheimer bereist Herzog aktive Vulkane rund um die Welt, von Äthiopien bis nach Island. Für 104 Minuten darf man die ganze Klasse des Herzog’schen Dokumentarfilms erleben. Die Bilder zeigen eine fremdartige und surreale Seite unseres Planeten. Monströse Lavaseen und Rauchlawinen, Schönheit wird eins mit Lebensgefahr. Die feuerspeienden Berge sind zwar Dreh- und Angelpunkt, stehen aber nicht immer im Zentrum des Geschehens. »Into the Inferno« ist keine Naturdokumentation im engeren Sinne. Neben dem Innenleben der Vulkane schaut Herzog auch auf das Treiben drum herum, auf religiöse Kulte in Indonesien, Fossilien in Äthiopien und haarsträubende Propaganda in Nordkorea. Alles zusammen wird zu einer befremdlichen, aber faszinierenden Parallelwelt.

Im Dokumentarfilm ist und bleibt Herzog also ein Meister. Es wäre schön, wenn er erst mal dabei bleiben würde, bevor der nächste gesalzene Reinfall kommt. ||

SALT AND FIRE
USA, Deutschland, Mexiko 2016 | Regie: Werner
Herzog | Mit: Michael Shannon, Veronica Ferres
93 Minuten | Kinostart: 8. Dezember

INTO THE INFERNO
Österreich, GB 2016 | Dokumentarfilm
Regie: Werner Herzog, Clive Oppenheimer
104 Minuten | als VOD bei Netflix