Ist die NDR Bigband prädestiniert für ein dem »Duke Ellington Songbook« gewidmetes Projekt? Al Jarreau meint Ja und übernimmt den Gesangspart.

Al Jarreau probiert sich an Duke Ellington | © Ralf Dombrowsk

Al Jarreau probiert sich an Duke Ellington | © Ralf Dombrowsk

Es mag eine lokalpatriotische Rolle spielen, dass Al Jarreau bekanntlich 1975 in der Hamburger Musikkneipe »Onkel Pö« fürs große Publikum entdeckt wurde. Aber dass der 86-Jährige schier aus dem Häuschen gerät, wenn er von der Bigband des Norddeutschen Rundfunks spricht, beruht auf Erfahrung (zwei längere Tourneen, viele Projekte) und handfesten Qualitäten: »Diese Band treibt die Musik an wie ein Truck mit 18 Rädern. Niemand ist besser in dieser Ecke des Universums. Und das ist erstaunlich. Es hat nämlich nichts mit Schiller oder Goethe zu tun. Es ist amerikanische Musik. Der Duke wäre vermutlich neidisch gewesen.«

Der Duke ist natürlich Edward Kennedy Ellington. Die Musiker, die laut Jarreau spielen, als wären sie in New Orleans oder Chicago geboren, sind solistisch versierte Instrumentalisten wie der Trompeter Ingolf Burchardt, der Saxofonist Christoph Lauer oder der Pianist Vladislav Sendecki. Ihr Chefdirigent Jörg Achim Keller (seit 2006, im September abgelöst vom Norweger Geir Lysne) hat Jarreau auf den Duke angesprochen: Ob er nicht ein reines Ellington-Programm singen wolle. Selbst ein ganz Großer reagiert da im ersten Moment fast erschrocken vor Respekt: »Wie bitte? Ellington??« Als Arrangeur und mittlerweile »erster Gastdirigent« der Bigband ist Jörg Achim Keller maßgeblich verantwortlich für das Gelingen des Balance-Musikers – vor allem von dem wohlaustarierten, bisweilen allerdings sehr radikalen Wechsel von Stimmungen.

Die sechs neuen Tracks decken von atmosphärischen Interferenzen bis zu heftigen, peitschenden Drum’n’Bass-Beats eine sehr breit gefächerte Gefühlspalette ab. Nahtlos und mit traumwandlerischer
Sicherheit verwebt das Elektronikgenie pumpende House-Beats, harmonische Vocals, hörspielartige Dialogsequenzen in Englisch und Spanisch, von weit her gewehte Gitarrenakkorde, ein kehliges Saxofon, sonderbare Synthesizerklänge von noch viel weiter entfernten Orten, dem anderen Ende der Milchstraße vielleicht, und ein an analoge Zeiten erinnerndes, wohliges Knistern zu einem der schlüssigsten Alben des Jahres 2016.

Schon sein Albumdebüt »Space Is Only Noise« (2011) präsentierte sich ähnlich ätheaktes, einem genialen Komponisten und Bandleader gerecht zu werden, Raum für eine ganz eigene Jarreau-Färbung zu schaffen und für 17 Musiker, die nicht umsonst als Protagonisten einer »Bigband der Solisten« gehandelt werden. Keller präsentiert eine Auswahl aus seinen stattlichen Ellington-Beständen. Al brauchte Monate, um die Riesenliste mit seinem musikalischen Direktor Joe Turano auf 15 Songs einzudampfen. »Joe hat perfekt zwischen uns vermittelt«, sagt Keller. »Al singt ja immer vor, wie er sich einen Song denkt – inklusive Bass und Schlagzeug. Er sprudelt dann über vor Ideen. Joe, der vieles mit seinem iPhone aufgenommen hat, konnte das wunderbar kanalisieren.«

Nun lag es am Arrangeur, für eine Vielfalt von Grooves und Stimmungen zu sorgen – und ausnahmsweise sogar ein Originalarrangement zu transkribieren. Mit »Drop Me Off At Harlem« beginnt ganz traditionsnah ein Programm, das sich bei »I Ain’t Got Nothing But The Blues« auch mal eine verzerrte Rockgitarre gestattet. Insgesamt ist das Projekt für Al Jarreau eine Rückkehr Richtung Jazz – wie 2004 sein Album »Accentuate The Positive« oder 2007 ein Gershwin-Projekt mit der NDR Bigband. Schon bei Gershwin fiel angenehm auf, dass der Sänger seine Tendenz zum virtuosen Overdoing gezügelt hat. Weniger Ausschmückungen, deutlichere Orientierung an starken Melodien. »Die Jungs zwingen mich, ein guter Sänger zu sein«, sagt Jarreau kokett bescheiden. Vermutlich, weil die über weite Strecken festen Arrangements größere Disziplin erfordern. »Und ein gewisses Haushalten mit der Stimme, wenn so ein großer Klangkörper hinter einem steht«, ergänzt Keller.

Keine Hits also, kein »Boogie Down« oder »Take Five«? »Vielleicht als Zugabe«, sagt der Dirigent des Abends und verrät zumindest, dass die Bigband – »just in case« – einschlägige Arrangements im Gepäck haben wird. ||

AL JARREAU & NDR BIGBAND
Philharmonie im Gasteig | 19. Nov.| 20 Uhr
Tickets: 089 54818181
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