In »Point Of No Return« hinterfragt die Regisseurin Yael Ronen den Amok-Terror von München mit den
Mitteln des Theaters – knallkomisch und böse.

Niels Bormann wird gesichtert | © David Baltzer

Niels Bormann wird gesichtert | © David Baltzer

Das Ereignis fährt in die Köpfe und Körper wie ein Blitz. Dass es dabei zu Kurzschlüssen kommt, ist vermutlich normal. Jedenfalls denkt Wiebke Puls so laut wie euphorisch: »Wow! Wir sind die Ersten, nicht Berlin!« Und Niels Bormann hat der Ehrgeiz gepackt: »Wir können der Welt beweisen, dass wir das besser managen als irgendwer sonst.« Gemeinsam mit Dejan Buc´in, Damian Rebgetz und Jelena Kuljic´ beschauen die beiden den vermeintlichen Terrorakt von München, bei dem am 22. Juli neun Menschen getötet und vier weitere verletzt wurden.

Und zwar streng aus der Perspektive ihrer »déformation professionnelle« als Schauspieler und Performer, die es gewohnt sind, »Rampe Mitte« zu stehen und sich, als ihre ganze Stadt an die Rampe gerückt war, mit sterbendem Handy in einem Discounter wiederfanden wie Buc´in, mit den eigenen
realen Kindern im Zuschauerraum wie Puls – oder wie Kuljic´ auf einer Probe mit den Erwartungen der Kollegen rangen, dass eine wie sie, die ja »aus so einem Kriegsgebiet kommt«, nun gefälligst die moralische Führung zu übernehmen habe.

Ursprünglich sollte die erste Münchner Arbeit von Yael Ronen von der Zukunft des Sex handeln, dann überrannte der Amoklauf von David S. die ersten Proben und es gab kein Zurück mehr. In der nun in den Kammerspielen uraufgeführten Stückentwicklung »Point Of No Return« untersucht die 1976 in Jerusalem geborene Hausregisseurin des Berliner Maxim Gorki Theaters die Gefühlsgemengelage derer, die an diesem Tag weder zu Hause noch am Tatort waren. Da wird die Tatsache, dass die Fischsuppe in der Kantine der Kammerspiele wie immer schmeckt, zum Vorzeichen dafür, dass uns der Terror nicht kleinkriegt, und das fette Sockenpaket für zwei Euro besiegelt die Überzeugung, den Tod verdient zu haben.

Ronen lässt die Schauspieler stellvertretend für uns alle in ihre eigenen Köpfe schauen und dezidiert als Schauspieler agieren, die sich in Opfer wie Täter einfühlen und dabei die Grenzen der Repräsentation aufzeigen, Fragen nach dem Sinn eines Theaters stellen, das Mitgefühl weckt, aber auch mit herrlicher Spiellust zeigen, was für eine tolle Sache es sein kann: Das Theater.

Auf Wolfgang Menardis steil abfallender, von Spiegelwänden umstellter Bühne sind die Akteure anfangs mit einem einzigen Seil verbunden. In Skianzügen, die man nur noch in Winterreiseführern aus den achtziger Jahren findet, sichern alle den jeweils Sprechenden und veranschaulichen so die Schwierigkeit von Gemeinschaft in Krisenzeiten. Sie legen sich in die Umrisse der Toten einer gerade auf den Bühnenboden projizierten Schießerei, folgen ihren Schritten in Zeitlupe rückwärts und forschen nach ihren letzten Gedanken. Kann ich mir vorstellen, so einer zu sein? Sollte ich?

Dass dieser knallkomische und böse Abend auch voll von vergleichbar popelig anmutenden Nebengeräuschen ist – so nutzt der stets leicht angewidert wirkende Damian Rebgetz jede Gelegenheit, sich für rassistische und sexistische Allgemeinplätze auf eine Weise zu entschuldigen, die sofort neue produziert –, mag man zynisch finden. Die Regisseurin und ihr Team aus Individualisten lassen aber auch diesen Zynismus nie aus dem Fokus. Sie brandmarken die Menschheit als einen maroden Haufen und nehmen sich selbst nicht aus. ||

POINT OF NO RETURN
Kammerspiele, Kammer 1 | 12. Nov.
20.30 Uhr | 29. Nov. | 20 Uhr
Tickets: 089 23396600
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