„Das forum:autoren des diesjährigen Literaturfests wird von der Autorin, Lyrikerin und Journalistin Elke Schmitter kuratiert. Petra Hallmayer befragte sie über die Faszination von Sprache.“

Elke Schmitter ©Volker Derlath

Elke Schmitter ©Volker Derlath

Ihr Motto lautet: »ein wort gibt das andere«. Ist das ein Verweis darauf, dass Schreiben immer auch ein Antworten und Fortschreiben ist? Man kann an den Weg von der arabischen Liebeslyrik zu den Troubadouren und zum Minnesang denken oder an sich über Jahrhunderte hinweg fortsetzende Debatten …
Genau. Spontan denkt man bei dieser Redewendung an den Auftakt zu einem Streit. Diskurs wäre ein sanfteres Wort. Ich wollte aber vor allem darauf verweisen, dass Worte weiterwirken, neue Realitäten schaffen. Literatur entsteht aus Literatur. Sie entspringt nicht als Herzensergießung aus einem dubiosen Innen. Dieser Innerlichkeitsmythos ist ja gerade im Deutschen sehr stark und hat auch eine politische Komponente.

Inwiefern?
Wir hängen an dem Fetisch der Muttersprache, der im Umgang mit Migranten eine fatale Rolle spielt. Sprache wird zur Mauer, einem Instrument der Ausgrenzung. In weiten Teilen der Welt versteht man die Frage nach der Muttersprache gar nicht. In Afrika ist es normal, dass ein Mensch mit vier Sprachen aufwächst. In dem Satz »ein wort gibt das andere« steckt auch das Andere, Fremde. Diesen Aspekt wollte ich durch die Kleinschreibung erhalten. Es ist ein ganz einfacher Satz, und doch erlaubt er viele Deutungen. Er macht die Mehrdeutigkeit von Sprache performativ deutlich. Und Literatur ist Sprache. Punkt.

War das der Ausgangsgedanke für Ihr Konzept für das forum:autoren?
Ja. Das Tolle war, dass ich als Kuratorin völlige Freiheit hatte. Mir wurde nur irgendwann gesagt: Ein paar große Namen wären schon schön. Ich hatte sofort die Idee, die Nobelpreisträgerinnen Swetlana Alexijewitsch und Herta Müller zu einem Gespräch über Sprache in Diktaturen einzuladen. Damit hatte ich diesen Punkt abgehakt und konnte mich ganz meinen Neigungen zuwenden. Ich suche in der Literatur nicht nach politischen Botschaften oder aufregenden Inhalten. Diese Klappentextprosa interessiert mich überhaupt nicht. Wenn ich etwas über ein Thema wissen will, lese ich eine Reportage. Ich lese lieber John Updike als Philip Roth, lieber Virginia Woolf als eine Autorin, die superwichtige »Tabuthemen« aufgreift. Inhalt ist mir in der Literatur völlig egal. Ihre einzigartige Qualität liegt anderswo.

Worin sehen Sie diese?
Literatur kann wie kein anderes Genre unsere Wahrnehmung weiten und schärfen. In einem der »Rabbit« -Romane überlegt Anzeigen Harry, ob er sich einen Schokoriegel kaufen soll. Es ist nur ein kurzer banaler Moment, den Updike schildert, doch was darin alles einfließt – Angst um den eigenen Körper, Lust, Spielarten moralischer Selbstrechtfertigung –, das ist atemberaubend. Wir schauen für ein paar Sekunden in den Kopf eines Menschen und erfahren unglaublich viel über ihn und über uns selbst. Das kann nur Literatur

Tatsächlich aber stehen erstaunlich wenige Lesungen auf dem Programm. Warum?
Ich muss gestehen, ich mag Lesungen nicht besonders. Oft sitze ich dann da und denke: Mein Gott, was könnte ich in der Zeit nicht alles lesen! Mich interessieren Veranstaltungen viel mehr, bei denen man nicht vorher weiß, was passiert, bei denen mir kluge Köpfe neue Gedanken erschließen oder Lyrik auf
Vokalkunst und Musik trifft wie in der »Bänkelbar«, die wir eröffnen. Mein ästhetischer Zugang zu Sprache ist extrem musikalisch, an Rhythmus und Klang gebunden. Ich habe letztes Jahr im Kosovo Menschen mit einer Inbrunst Volkslieder und Balladen singen gehört – das hat mich umgehauen. Diese
Unbefangenheit haben wir verloren. Als ich das Programm konzipierte, dachte ich: Ich will selbst überrascht werden und etwas lernen.

Einer Ihrer Schwerpunkte sind sprachwissenschaftliche und -philosophische Themen. Symposien befassen sich mit verschwindenden Sprachen oder der Frage »Wie kommt das Denken in die Sprache?«.
Ich habe nicht zufällig Philosophie studiert. Ich weiß noch, wie ich mich als Kind zum ersten Mal fragte: Kann ich ohne Sprache denken? Von Wittgenstein stammt ja der berühmte Satz: »Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.« Die Sprachforschung befasst sich mit unglaublich spannenden Themen: Wie beeinflussen Sprachen unsere Wahrnehmung? In manchen Sprachen gibt es keinen Konjunktiv. In einigen Sprachen in Polynesien ist die Zeugenschaft im Verb enthalten. Wenn jemand sagt, »Das Schiff ist angekommen«, verrät das Verb, ob er das Schiff selbst gesehen oder ihm ein Onkel davon erzählt hat. Stellen Sie sich einmal vor, wir würden in einer Diskussion bei jeder Aussage mitteilen, woher eine Information stammt! Mit jeder Sprache, die stirbt, geht ein Zugriff auf die Welt verloren. Worte sind eben nicht nur Worte.

Womit wir bei den Problemen des literarischen Übersetzens wären, denen Sie einen Tag unter dem Titel »Kannitverstan« widmen.
Darauf bin ich wahnsinnig gespannt. Ich habe den Arabisten Stefan Weidner eingeladen, einen fantastischen Essayisten, der eine steile These vertritt: Unsere abendländische Wut des restlosen Verstehens, des Definierens und Festlegens, erklärt er, geht am Arabischen total vorbei. Wir verfehlen trotz guter Übersetzer das Wesentliche. Gunhild Kübler spricht über die riesige Dickinson-Gemeinde in Japan. Was lesen Japaner, wenn sie Emily Dickinson lesen? Letztlich geht es um die Frage: Gibt es produktives Nicht- oder Missverstehen.

Sie sind Romanautorin, Lyrikerin und Journalistin. Fällt es Ihnen leicht, zwischen Sprachformen zu wechseln?
Ich kann nicht morgens an einem Roman schreiben und danach einen Artikel verfassen. Und ein Gedicht kann ich gar nicht planen. Das ist bei mir eine Art Sputnik-Phänomen. Journalismus unterliegt ganz anderen Regeln. Ich war allerdings als Journalistin lange verwöhnt. Bei der »taz« konnte man damals machen, was man wollte, man schrieb quasi für die eigene WG. Als ich zur »Zeit« kam, war das Feuilleton noch das hohe Reich der Autoren. Wir durften jede Pirouette drehen. Wenn die Kindergärtnerin aus Wanne-Eickel uns nicht folgen kann, meinten wir, ist das ihr Problem. Als ich beim »Spiegel« anfing, habe ich oft mit den Zähnen geknirscht. Alles in mir hat sich dagegen gesträubt zu schreiben: »Kohl, Bundeskanzler«. Irgendwann aber begriff ich, dass dahinter ein grunddemokratischer Gedanke steht: Jeder soll jeden Satz voraussetzungslos lesen können. Diesen Grundgedanken habe ich mitgenommen ins Literaturfest.

Trotz der intellektuellen Diskursthemen?
Aber ja! Das ist keine abgehobene Akademikerveranstaltung. Überhaupt nicht. Alles, was da stattfindet, soll jeder verstehen können. Ich möchte den Schüler ebenso ansprechen wie die Rentnerin. Ich will die Leute anstecken, infizieren mit der Lust, über Sprache nachzudenken, dem wunderbaren Schwindel, der einen erfasst, wenn sich neue Welten im Kopf auftun. ||