Christopher Rüping zeigt in den Kammerspielen die Brecht-Adaption »Trommeln in der Nacht« mit zwei alternativen Schlussszenen.

Rekonstruktion in Pappmaché unterm blutroten Mond | © Julian Baumann

»Glotzt nicht so romantisch!« steht wie dereinst auf Plakaten im Zuschauerraum. Zum Auftakt von »Trommeln in der Nacht« präsentiert uns Christopher Rüping eine »Reanimation« der Uraufführung von 1922, deren nachgebaute Kulissen Bühnenarbeiter hereintragen. Ein roter Pappmond baumelt in der Luft. Hingekritzelte Hochhäuser ragen hinter einer altmodischen Wohnstube auf, in der Balicke (Hannes Hellmann) und seine Gattin (spielwitzig: Wiebke Puls) über die Verlobung ihrer Tochter verhandeln. Inwieweit Rüping sich Otto Falckenbergs Inszenierung annähert, können wir nur mutmaßen. Ganz sicher haben es Anna (Wiebke Mollenhauer) und Murk (Nils Kahnwald) damals nicht auf dem Tisch getrieben. Wirklich viel erzählt uns dieses kuriose Remake nicht, in dem die Schauspieler immer wieder in einen aufreizenden Leierton verfallen und das unentschieden zwischen steifer Nachstellung und Parodie mäandert.

Nach dem ersten Akt löst sich die Aufführung von der historischen Anbindung. Damian Rebgetz serviert als Journalist Babusch ein Songpotpourri von »Billie Jean« über »I Shot theSheriff« bis zu »Du meine Seele, du mein Herz« und zankt auf Englisch mit einem imaginären Zuschauer. Groteske Komik wechselt sich ab mit überflüssigen Gags und stillen Momenten, in denen Anna und Kragler ihre Blicke innig ineinander versenken.

Wie ein Zombie bricht Christian Löbers bleich beschmierter Kriegsheimkehrer Kragler in die bürgerliche Welt ein. Seine Braut hat sich dem Geschäftemacher Murk zugewandt. Kurzzeitig schließt er sich dem Spartakus aufstand an, doch als Anna zu ihm zurückkehrt, zieht er es vor, mit ihr in ein warmes Bett zu kriechen. Letztlich aber steckt in Kragler, der weder für Kaiser und Vaterland noch für irgendeine Idee sterben will, nicht bloß ein feiger Drückeberger, sondern auch etwas vom trotzig-radikalen Glücksanspruch des jungen B.B. Davon hat sich Brecht später distanziert. In den Kammerspielen offeriert Rüping nun eine alternierend gespielte Variante des Schlusses, in der Kragler sich für die Politik entscheidet.

Primär allerdings inszeniert er einen Theaterabend über das Theater, der die unterschiedlichsten Stilmittel vorführt und ironisch kommentiert. Dabei gelingen ihm einige starke Bilder und fesselnde Szenen, nur leider verliert sich manch interessanter Ansatz in zerdehnten Spielereien, wirkt alles seltsam unverbindlich und er wird nicht klar, worum es ihm eigentlichgeht. Im vierten Akt, in dem Kragler zum Sturm auf die Zeitungen aufruft, finden wir uns in einem rätselhaften Sci-Fi-Szenario wieder (Bühne: Jonathan Mertz). Neonröhrenbündel fahren herab und die in Kunststoffkostümen chorisch sprechenden Akteure gemahnen an eine futuristische Sekte. Dann ist Schluss mit dem ganzen Theater. Kragler und Anna verabschieden sich insprivate Glück, derweil Murk den roten Mond zerhaut und die Kulissen im Häcksler landen. Die Illusionsmaschinerie wird zerstört – allein Illusionen haben wir uns ja gar nie gemacht. So läuft die krachende Dekonstruktion ins Leere.||

TROMMELN IN DER NACHT
Kammer 1| 4. Feb.| 17 Uhr | 15., 22. Feb. | 20 Uhr
Tickets: 089 23396600