Les ballets C de la B gastieren mit »Requiem pour L.« am Residenztheater.

Eindrücke aus den Proben zu »Requiem pour L.« © Chris Van der Burght

Uraufführung feierte die neue Kreation des Komponisten Fabrizio Cassol und des Choreografen Alain Platel am 18. Januar bei den Berliner Festspielen. Basis ist Mozarts »Requiem«, und 14 Künstler aus Afrika und Europa entwickeln daraus gemeinsam eine Neukonstruktion mit Einfl üssen aus Oper, Jazz und populärer afrikanischer Musik. Bevor es auf große Europatournee geht, von Brüssel über das Sadler’s Wells in London zu den diversen Koproduzenten zwischen Kampnagel in Hamburg und dem Onassis Kulturzentrum in Athen, konnte Walter Heun von Joint Adventures das Stück nach München lotsen, in Kooperationmitdem Residenztheater und im Rahmen von Access to Dance, der Münchner Initiative, die seit 2006 dem zeitgenössischen Tanz neue Publikumsschichten eröffnet.

Die letzte Zusammenarbeit von Platel und Cassol als musikalischem Leiter, »Coup Fatal«, war 2015 beim Festival Dance in den Münchner Kammerspielen zu Gast. Heun hatte dieses Cross-over von Barockmusik und kongolesischen Improvisationen als Tanzquartier-Intendant mit den Wiener Festwochen am Burgtheater uraufgeführt. Mit dem belgischen Choreografen Alain Platel verbindet ihn eine langjährige Beziehung. »1992/93, als der noch kaum bekannte Platel ›Bonjour Madame […]‹machte, bekam ich das Angebot, als Koproduzent einzusteigen, konnte aber in München dafür keine Gelder auftreiben«, erzählt Heun. »Ich habe Platel seitdem intensiv verfolgt und immer wieder einzuladen versucht, zuletzt »nicht schlafen« im Wiener Volkstheater. Dieses schöne Stück hatte ich auch für das Münchner Gastspiel am Residenztheater vorgeschlagen, nun konnten wir durch die Vakanz am Tourneebeginn die brandneue Produktion gewinnen.« In München bekommt man internationale (Ko-)Produktionen oft nicht odernur spät zu sehen. »Das hängt damit zusammen«, so Heun«, dass es hier kein Produktionshaus für Tanz gibt und auch die Festivals andernorts über größere Etats verfügen – Spielart vielleicht ausgenommen.« Zeitgenössischer Tanz hat seit einiger Zeit größere Präsenz auf den großen Münchner Theaterbühnen gewonnen. An den Kammerspielen produzierte und
zeigte Intendant Johan Simons, selbst ausgebildeter Tänzer, speziell Meg Stuart, Alain Platel und die Münchner Choreografi n Anna Konjetzky. Der jetzige Intendant Matthias Lilienthal pflegt ebenfalls die Öffnung zu Tanzperformance und Choreografie. Am Residenztheater wiederum gab es etwa von Peeping Tom 2013 in Kooperation mit Access to Dance »32 rue Vandenbranden« zu sehen sowie 2015 die Uraufführung von »The Land« mit dem Festival Dance. »Der Tanz«, so Heun, »muss immer seine Nischen suchen und finden.«

Nun also Mozart, das dürfte bei den Münchnern Interesse wecken. Mit Mozarts »Requiem« verbindet den Veranstalter Heun eine spezielle Erinnerung. Schon bei seiner ersten Tanzwerkstatt Europa hatte er 1991 einen Abend zu Mozart programmiert, mit einem Anti-Mozart von Mark Murphy und zwei Recherchen zum »Requiem« von Micha Purucker und Rui Horta. »Hortas Choreografie zu Mozarts Musik, ›Wolfgang bitte‹, gewann dann den Wettbewerb von Bagnolet«, erzählt Heun, »Puruckers Arbeit war ohne Musik, nur am Ende saßen die Tänzer auf der Bühne und haben sich das ›Lacrimosa‹angehört, weil Purucker der Meinung war, man kann diese Musik von Mozart nicht vertanzen. Die Mozart-Auseinandersetzung von Platel und Cassol arbeitet auch mit eigenen Kompositionen.« Der Tod war bei Platel schon häufiger Thema.

Mozart auch schon einmal: Nach Choreografien zu Musik von Purcell und Bach 2004 in »Wolf oder wie Mozart auf den Hund kam«. Platel – der als Heilpädagoge mit schwer behinderten Kindern arbeitete, bevor er sich dem Theater widmete– verwendet in seinen Arbeiten immer Musik, wie er einmal in einem Interview sagte, die ihm selber Trost spendet. In »nicht schlafen«, einem Stück über das Leben und den Krieg, die Zerrissenheit und den Schmerz, brachte Bühnenbildnerin Berlinde De Bruyckere, die als Künstlerin bekannt ist für ihre Auseinandersetzung mit Tod und Sterben, drei tote Pferde auf die Bühne – zur Musik Gustav Mahlers. Das Set für die neueProduktion gestaltet Platel selbst. Videomaterial vom Sterben L.s, der Frau, der die Widmung des Titels gilt, ist in die Inszenierung integriert, die getragen wird durch die vitale Musik mit Elektrogitarren, Akkordion, Euphonium und Likembe. Ob aus diesem »Requiem«, wie bei »Coup fatal«, eine Art Tanzkonzert wird? Vielleicht – wie auch oft bei Platel – ein spirituelles Erlebnis. ||

FABRIZIO CASSOL & ALAIN PLATEL: REQUIEM POUR L.
Residenztheater| 28./29. Januar| 19.30 Uhr
Tickets: 089 218519-20/40/60/70