Eine Kunstform zwischen Underground und Mainstream: Poetry Slam in München wird immer lebendiger.

Poetry Slam in der Schauburg, Nuria Glasauer © Fabian Frinzel

Studenten stehen dicht gedrängt vor der Bühne, essen Currywurst, trinken Bier aus Plastikbechern. Wer einen guten Platz haben will, muss mindestens eine Stunde vorher da sein, und wer es dann rein geschafft hat, geht später am Abend heiser und verschwitzt nach Hause. Die Stimmung ist aufgeladen beim monatlichenPoetry Slam im Substanz, eine Literaturveranstaltung stellt man sich anders vor. Doch wenn Autoren bei Münchens renommiertestem Slam ihre Texte vortragen, wird beim Applaus so lautgejubelt, als stünde ein Rockstar und kein Literat auf der Bühne. Festivalfeeling statt trockener Hochkultur. Das war nicht immer so,weiß Veranstalter Ko Bylanzky, der den Slam im Substanz 1996 übernommen hat. Den hatte bis dahin ein Journalist kuratiert, auf der Bühne wurde an einem Tisch vorgelesen. »Ich fand es absolut grässlich, was ich an diesem Abend gesehen habe«, sagt Bylanzky, »es gab eine Jury, die A- und B-Noten vergeben hat. Dafühlte man sich ein bisschen an den Bachmann-Preis erinnert.« Einen Tisch gibt es nun nichtmehr, eine Jury ebenso wenig. Das Publikum entscheidet, was gefällt und wer gewinnt.

Darüber hinaus haben sich in den vergangenen 15 Jahren in der Stadt eine ganze Reihe von Slams und Lesebühnen in Kneipen, Konzerthallen und kleinen Theatern etabliert. Doch egal, ob das Publikum sitzt oder steht, frenetisch jubelt oder höflich klatscht, das Feeling auf Münchner Slam-Veranstaltungen ist stets familiär. Das ist auch der besonderen Vortragsart des Slams geschuldet: Es geht nicht einfach nur um die Texte, sondern auch um die Performer, die sie mit Leben füllen, die mal lyrisch-rhythmisch, mal prosaisch ihren Gedanken Ausdruck verleihen. Politik wird dabei ebenso Thema wie Persönliches. Zwischen die witzigen, pointierten Texte mischen sich auch immer die nachdenklichen Arbeiten, wenngleich die es im Wettbewerb manchmal schwerer haben.

Einige der im Substanz an diesem Abend Auftretenden tragen ihre Beiträge eher leise und ruhig vor, Autor Yannik Sellmann hin gegen brüllt ins Mikrofon, wenn er in einer Mischung aus Wut und Selbstironie darüber sinniert, warum eigentlich alle um einen herum ihr Leben auf die Reihe kriegen, während man selbst in einer verranzten Bude hockt und gerade ein Jurastudium geschmissen hat. Dem Publikum gefällt das. Sellmann gewinnt den Slam an diesem Abend. Seit Ende November ist er Münchner Stadtmeister. Für ihn ist dasSlammen inzwischen ein richtiger Nebenjob, der gutes Geld bringt. Rund 80 Auftritte hatte er im vergangenen Jahr, war auf Tour in Sachsen und Hessen unterwegs. Aber: »Wenn man von einer Tour zurückkommt, freut man sich, wieder hier auftreten zu können. Man kennt die Leute, es ist eine Art Wohlfühlzone.« Das liegt auch daran, dass das Angebot überschaubar ist. »Ich bin sehr glücklich, dass ich hier angefangen habe und nicht in NRW oder Hamburg«, sagt Sellmann, der ursprünglich aus Hamm in Westfalen kommt, »das sind die Epizentren der Szene, die füllen Theater mit 3000 Plätzen.«

Slams finden dann schon mal in der Elbphilharmonie oder im Schauspielhaus Bochum statt. Je vielfältiger und etablierterdas Angebot, umso größer auch der Druck, sich als Slammer sofort beweisen zu müssen. Zwar sind Slams wie der im Substanz stets ausverkauft, doch so stark im kulturellen Mainstream angekommen wie in anderen Städten ist das Format hier noch nicht. »Was ist Poetry Slam heute? Ist es bekannt? Ist es Underground?«, fragt Bylanzky, der in der Stadt jeden Monat vier verschiedene Slams organisiert. »In München gibt es sicher noch Zehntausende, denen Poetry Slam überhaupt nichts sagt.« Dabei muss sich die Szene nicht verstecken: Der diesjährige deutschsprachige Meister im Poetry Slam, Alex Burkhard, kommt aus München, ebenso der Vorjahressieger Philipp Scharrenberg. Dazu gibt es mit Carmen Wegge, Meike Harms und Felicia Brembeck, genannt Fee, eine Reihe von Frauen, die die Stadt in dem sonst etwas männerdominierten Literaturgenre erfolgreich vertreten.

Doch die Bühne gehört nicht nur den Profis. »München hat viele gute Angebote für Leute, die gerade anfangen. Da slammt man mit Menschen, deren Texte auf dem gleichen Level sind wie die eigenen«, so Yannik Sellmann. Sei es beim Slam in der Glockenbachwerkstatt oder bei der offenen Bühne im Stragula, für den Nachwuchs gibt es viel Raum zum Ausprobieren. Besonders hervorgetan hat sich dabei in den vergangenen Jahren die Schauburg: Sie bietet Workshops an, in denen Jugendliche in geschütztem Raum unter Anleitung von Profis ans Slammen herangeführtwerden. Manch ein erfolgreicher Poet hat hier seine ersten Texte vorgetragen. Das Münchner Publikum ist freilich auch bei diesen eher niedrigschwelligen Veranstaltungen anspruchsvoll, denn es kennt die Bandbreite dessen, wie Slam sein kann. An den Nuancen des Applauses lässt sich hören, wie gut ein Text gefallen hat. Fair geht es dabei trotzdem zu. »Es wird nicht gebuht«, erklärt Moderator Bylanzky beim Slam im Substanz. Das Publikum hält sich den ganzen Abend brav an diese Regel. Man begegnet sich mit Respekt, vor wie hinter der Bühne. ||

SUBSTANZ POETRY SLAM
14. Januar| Substanz, Ruppertstr. 28
Einlass 19 Uhr, Beginn 20 Uhr

KIEZMEISTERSCHAFT
20. Januar| Stragula, Bergmannstr. 66 | 20 Uhr

ISAR SLAM
23. Januar| Ampere/ Muffatwerk,
Zellstr. 4 | 20 Uhr

U20 POETRY SLAM IN DER SCHAUBURG
1. Februar| 19.30 Uhr

SCHWABINGER POETRY SLAM
27. Februar| Lustspielhaus, Occamstr. 8
20 Uhr

POETRY IN MOTION
15. Januar| Lyrik Kabinett, Amalienstr. 83a
20 Uhr

DIE STÜTZEN DER GESELLSCHAFT
16. Januar| Theater im Fraunhofer, Fraunhoferstr. 9 | Einlass 20.15 Uhr, Beginn
20.30 Uhr

POETRY UNPLUGGED
31. Januar| Furtner Freising, Obere Hauptstr. 42 | Einlass 19.30 Uhr, Beginn 20 Uhr