So zeigte er das wahre Ich: Ein Fotobuch-Klassiker des Porträtisten Philippe Halsman ist erstmals auf deutsch erschienen.

Fotograf Philippe Halsman springt gemeinsam mit Grace Kelly | 1954, Foto: Yvonne Halsmann © Halsman Foundation, aus dem Buch »JUMP!« (Midas Collection, 2017)

Vielleicht wäre das bei politischen Kandidaturen ein Entscheidungskriterium. Einfach mal abheben, statt routiniert sein Image zu pflegen. Zumindest als Mittel der Selbsterkenntnis wäre es einen Versuch wert – wenn man nicht das Handy beim Selfie mit in die Luft wirft, sondern ein Meisterfotograf hinter der Kamera steht, während man springt. »Die Maske fällt und die echte Persönlichkeit kommt zum Vorschein«, berichtete Philippe Halsman. Weil sich die Menschen bei der Aufnahme ganz auf das Springen konzentrieren. Zum Sprung – nach Abschluss der regulären Aufnahme-Session – bat der vielbeschäftigte Fotograf Halsman seine Porträt-Prominenten in den 50er Jahren: als erste die Multimillionärin Mrs. Edsel Ford, nachdem er zum Firmenjubiläum die ganze Familie abgelichtet hatte. Richard Nixon beispielsweise sprang nicht sehr hoch, und sein Ausdruck blieb seltsam verhalten, verglichen etwa mit dem Herzog und der Herzogin von Windsor. Bei denen setzte das Bewegungsereignis die »Haltung bewahren«- und »Keep smiling«-Konventionen außer Kraft, genau wie es Halsman erhoffte. Und in der »Jumpology« seines Buches erläuterte, einer humorvollen Psychologie der Bewegungssprache.

Die Kunst der Sprungdeutung

197 Sprünge hat Philippe Halsman 1959 in seinem Buch versammelt, das jetzt auf Deutsch wiederaufgelegt wurde: Prominente von damals erheben sich vor seiner Rolleiflex und schweben, vom mächtigen Firmenboss und Gewerkschaftsfunktionär über Wissenschaftler, Künstler und Literaten bis zu Sternchen und Stars wie Maurice Chevalier, Benny Goodman, Jayne Mansfield und Brigitte Bardot. Ein General und der UNO-Generalsekretär verweigerten den Sprung, Frauen waren stets dazu bereit. Marilyn Monroe natürlich, die Halsman schon 1949 als unbekanntes Starlet fotografiert hatte, Audrey Hepburn oder Grace Kelly. Monroe schwebt mit angezogenen Beinen wie ein Ei in der Luft, Kelly zeigt Bein – und Strumpfband, als sie mit Halsman noch einmal gemeinsam hüpfte und seine Frau Yvonne den Auslöser bediente.

Ein Sprung-Duett von Dean Martin und Jerry Lewis schmückte 1951 den Titel des »Life«-Magazins. Wobei der Fotograf als Rekord verzeichnen kann, 103-mal das Cover für dieses renommierte Wochenblatt des Fotojournalimus geliefert zu haben. Geboren wurde Philipp Halsmann 1906 in Riga, er studierte Elektrotechnik in Dresden und arbeitete nebenbei freiberuflich als Fotograf für den Ullstein-Verlag. Nach einem aufsehenerregenden Prozess – er sollte bei einer Bergtour seinen Vater ermordet haben –, bei dem sich Prominente wie Siegmund Freud, Thomas Mann und Albert Einstein für ihn einsetzten, wurde er 1930 aus Österreich ausgewiesen, zog nach Paris und eröffnete dort 1931 als Philippe Halsman ein Fotostudio. Der Spezialist für Mode- und Porträtfotografie musste 1940 aus Frankreich fliehen, Einstein verschaffte ihm das Einreisevisum in die USA.

Stumme Interviews

Halsmans Porträt von Einstein zierte die Acht-Cent-Briefmarke, das mit der Zunge stammt auch von ihm. Das stumme fotografische Interview, wie es vom »SZ-Magazin« gepflegt wird, erfand Halsman 1948 mit dem Schauspieler Fernandel. Ebenfalls in Buchform publizierte er 1954 ein Gespräch mit Salvador Dalís Schnurrbart. Mit dem Surrealisten entwickelte er gemeinsam über Jahre experimentelle, dessen Image prägende Fotos. Das berühmte Sprungfoto »Dalí Atomicus« (1948) mit der in der Luft schwebenden Staffelei ist natürlich auch mit im Buch. 28 Mal musste Halsman in seinem New Yorker Studio dafür Wasser und drei Katzen in die Luft und durchs Bild schleudern lassen, bis Dalís Genie perfekten Ausdruck fand. Auch wenn viele der porträtierten Personen mittlerweile historisch entrückt sind, kann man auch heute viel Spaß haben beim Entschlüsseln der Bewegungssprachen und Charaktere. »Viele Leser werden selbst Experimente und Untersuchungen auf dem Gebiet der Jumpology anstellen wollen«, meinte Halsman. ||

PHILIPPE HALSMAN’S JUMP BOOK
Übersetzt von Claudia Koch | Midas Collection, 2017 | 96 S., zahlr. Abb. | 29,90 Euro