Das Lach-und-Schieß-Hausensemble sucht den Exit | © Andreas Reiter

Die Erwartungen waren hochgespannt, als sich vor zwei Jahren das neu gegründete Hausensemble der Lach & Schieß mit dem ersten Programm »Wer sind wieder wir?« vorstellte. Mit überwältigendem Erfolg. Frank Smilgies und Sebastian Rüger, bekannt als Strickmützen-Kabarettduo Ulan & Bator, die Schauspielerin Caroline Ebner (früher an den Kammerspielen) sowie der Rockmusiker Norbert Bürger (einst u. a. Orchester-Bürger Kreitmeier) fanden sich zu einem kongenialen Quartett. Da ist beim zweiten Programm der Erwartungsdruck noch größer. Doch mit »Exitenzen« beweist die Viererbande, dass das Debüt kein Zufallstreffer war. Hier reiben sich vier ganz individuell gefärbte Charaktere aneinander und am gemeinsamen Thema, der politischen Lage im Land. Sie eint die Lust, ihre Wahrnehmungen ins Absurde und Dadaeske zu treiben, sowie an schrägen musikalisch-rhythmischen Interventionen. Ebner spielt Klavier, Bürger die Gitarre, Rüger und Smilgies trommeln auf Koffern. Stilistisch haben sie unter der Regie von Sven Kemmler wenig verändert, sind aber konziser und pointierter geworden. Und haben damit eine zeitgemäße Kabarettform entwickelt, an der auch Dieter Hildebrandt, Vor- und Übervater der Lach & Schieß, Freude gehabt hätte.

»Exitenzen« – das ist kein Schreibfehler, sondern verdankt sich als Wortspiel den Exit-Androhungen, Fluchttendenzen und Fliehkräften überall in Europa. Das fragt sich nämlich jetzt: Wer bin ich und wenn ja, wie viele? Ein weites Feld für Exit-Fantasien quer durch die Lande bis hin zum Austritt des Stuttgarter Bahnhofs aus der Stadt. Zwei Englischkurs-Schüler profitieren vom Brexit: »fits already« (»passt scho«) und »yes may« (»ja mei«) reichen ihnen künftig. Kürzlich twitterte der US-Präsident seine bahnbrechende Erkenntnis, dass die Erdbeere keine Beere, sondern eine Nuss ist, in die Welt. Sebastian Rügers Trump-Parodie gipfelt in dieser Essenz: »Die Wahrheit ist wichtig. Wer anderes sagt, sagt nicht die Wahrheit. Das ist die Wahrheit, aber nicht wichtig.«

Dass die AfD in allen deutschen Theateraufführungen einen Heimatbezug fordert, erlaubt einige abstruse Bühnenvisionen. Und Wahlredner sind in ihren irrwitzig unverständlich verballhornten Wahl-Gesängen (ohne Gesang) nur zu gut verständlich: »Breiheit der Fresse«. Allein der AfD-Kandidat redet Klartext. Dazwischen schlurft ab und zu Ebner als herrlich fistelndesSchneckchen Finchen über die Sesamstraße, und Smilgies fragt mal verzweifelt: »Darf ich als Pazifist die Zeit totschlagen?« Die exitopäische Exitopie rückt näher. Sie beinhaltet die Freiheit zu jeglichem Exit. Aber Vorsicht: Das macht man immer nur ein Mal. Dieses grandiose Programm machen die Exitenzen hoffentlich noch sehr oft. ||

EXITENZEN
Lach- und Schießgesellschaft| Ursulastr. 9 | 9.–13., 16.–18., 20., 30., 31. Jan., 2., 3., 6.–8., 13.
Feb. | 20 Uhr | 31. Dez.| 13.30 Uhr | Tickets: 089 391997