Auch im neuen Jahr haben Münchens Bühnen weiterhin etwas für die jüngere Generation zu bieten: »Alice im Wunderland«, »Auf der Mauer auf der Lauer« und »Peter und der Wolf«.

Für Alice (Anna Graenzer) wird’s eng | © Thomas Aurin

Alice im Wunderland

von Gabriella Lorenz
Dass »Alice im Wunderland« ein Buch für Kinder sei, darf man bezweifeln. Manche Erwachsene auf Sinnsuche stehen verständnislos davor. Aber Kinder lassen sich leichter ein auf die Unlogik eines Traums, in dem die verrücktesten Dinge passieren können. Was der Mathematik-Professor Charles Lutwin Dodgson unter dem Pseudonym Lewis Carroll 1864 für ein verehrtes kleines Mädchen namens Alice als Weihnachtsgeschenk schrieb, ist ein wilder Husarenritt durch das Wunderland des absurden Nonsens. Da wird die Heldin mal winzig, mal riesig, begegnet seltsamen Tierwesen, einem fliegenden Ei und der Herzkönigin. Und weiß eigentlich nie, wie ihr geschieht. Weil das jede bildnerische Fantasie erlaubt, boomen die Bühnen-Bearbeitungen. In München überwältigt das Staatsballett sein Publikum mit einer opulenten Ausstattungsorgie. Als Gegenentwurf spielt das Me -tropoltheater die eher düstere Musicalversion von Robert Wilson und Tom Waits aus dem Jahr 1992, die Dodgsons pädophile Neigung betont. Am Residenztheater hat nun Christina Rast »Alice im Wunderland« als Familienstück für die Weihnachtszeit inszeniert, bunt und grell. Aber ohne den rechten Drive.

Die Bühne von Franziska Rast überrascht: Eine fahrbares Riesenfass kann Kaninchenloch sein oder Wohnung des französischen Mäusemanns, die er mit einem riesigen Badewannenstöpsel gegen die Tränenflut der heulenden Alice verschließt. Ein Walross (Arnulf Schumacher) und ein Zimmermann (Mara Widmann) singen eine sinnfreie Ballade, ein weißes Kaninchen sucht nach der verlorenen Zeit, zwei graubärtige Zwillinge (Arthur Klemt, Wolfram Rupperti) kommen sich ständig mit ihren Synchron-Bewegungen ins Gehege. Sprechende Blumen verschwinden in der Versenkung, dafür raucht die Küche einer pfefferwütigen Herzogin. Zur Teatime verfällt der womöglich bekiffte Hutmacher (Till Firit) gern in Zeitlupe, der Faselhase immer gleich in Schlaf. Bis die grotesk als Clown geschminkte Herzkönigin (Barbara Melzl) von ihrem Klohäusl-Thron aus ein blutiges Regiment führt, das ihre Kartenspiel-Soldaten und ein unglücklicher Henker ausführen müssen.

Die Kostüme sind niedlich, nur die vier Musiker mussten sich von Marysol del Castillo hässlich verkleiden lassen, weil Micha Acher, Cico Beck, Mathias Götz und Alex Haas ab und zu auf der Bühne mitmischen. Doch die Songs von Felix Müller-Wrobel zünden nicht, trotz Mitsing-Effekts. Und Anna Graenzer als durchaus entzückende Alice ist von derart eifrigem Spielfuror beseelt, dass ihre überagile Fröhlichkeit künstlich aufgesetzt wirkt. So hat man in den 70er Jahren Theater für Kinder gespielt. Wir hofften, das sei überwunden. ||

Alice im Wunderland
Residenztheater| 6. Jan.| 16 Uhr
10., 15., 22. Jan.| 10 Uhr | 21. Jan., 11 und 16 Uhr | Tickets: 089 21851940

Angelina Berger und Janosch Fries als verfeindete Nachbarn | © Fabian Frinzel

Auf der Mauer auf der Lauer

von Gabriella Lorenz
Wenn Nachbarn sich ständig mit Ferngläsern beobachten und ausspionieren, Notizen kritzeln, kein Wort wechseln und sich voreinander verstecken, ist das keine gute Nachbarschaft. Warum Herr Rot (Janosch Fries) und Herr Blau (Angelina Berger) so feindselig sind, weiß auch der Erzähler nicht, der die beiden vorstellt. Oft gibt’s für Misstrauen und Abneigung keinen vernünftigen Grund. Als erste Produktion für Vorschulkinder ab 4 in der Schauburg hat Grete Pagan das wortlose Bilderbuch »Auf der Mauer auf der Lauer« des französischen Illustrators Olivier Tallec inszeniert. Ein Plädoyer fürs Streiten Lernen – da redet man wenigstens miteinander.

Statt einer Mauer hat Hannah Krauß eine überlange ovale Wanne in die Kleine Burg gestellt, an deren Enden bespitzeln sich die Hutträger Rot und Blau. Ihre Verhaltensrituale gleichen sich verblüffend. Der Erzähler Cédric Pintarelli, ausstaffiert als Jahrmarkts-Gaukler, zaubert mit Rhythmus und Musik (David Pagan) die Jahreszeiten her, einen Herbststurm unter Schirmen, zarten Schneefall, er bringt ein Weihnachtsbäumchen und Geschenke. Aber die Lakritzschnecke von Blau, die zu Rot wandert, stopft dieser sich einfach in den Mund. Und beide blasen sich wütend auf. Selbst ihre Instrumente – eine Melodica und ein Banjo – halten sie wie Waffen im Anschlag. Im Frühling bringt ein geschlüpftes Entenküken sie vor lauter Schreck unversehens zu einem Seiten- und Mantelwechsel und einem gestammelten Streit: Nein, doch, nein, doch. Daraus wird Wettstreit, Kräftemessen: Ich kann besser, ich kann schneller, vom
Fingerhakeln bis zum Wettrennen auf der Straße. Gegeneinander, aber gemeinsam.

Die Regisseurin Pagan hat mit ihren sehr charmanten Darstellern hübsche, poetische, auch sehr komische Bilder gefunden für die Parallelsituation. Der Erzähler zeigt, mit welch einfachen Mitteln man Theater machen kann (das Gras kommt aus der Gießkanne) und bindet durch Fragen die lebhaft mitgehenden kleinen Zuschauer ein. Nach 50 Minuten lassen die gewechselten Halbsätze hoffen, dass Rot und Blau das Streiten lernen und keine Ferngläser mehr brauchen. ||

Auf der Mauer, auf der Lauer
Schauburg – Theater für junges Publikum | 9., 10. Jan. | 10 Uhr | 7. Jan. | 11 Uhr | Tickets: 089 23337155

Eva Bauchmüller, Anne Bontemps und David Benito Garcia (v. l.) © Judith Buss

Peter und der Wolf

von Sabine Leucht
Der Wolf rülpst aus seinem blutigen Maul ein paar Daunen in den Papierschnee. Die Ente hat er hinter der breitesten der vielen Säulen erledigt, die in »Peter und der Wolf« zur Hauswand zusammen- und zum Wald auseinandergeschoben werden. Ein heftiges Gerangel, von dem man als Zuschauer mal nur einen Fatsuit-Bürzel und mal einen Pelzmantel-Ärmel sieht, dann ist der gelbbestrumpfte Ball perdu und das Raubtier tritt mit schweren Stiefelschritten aus der Deckung. Dass David Benito Garcia sowohl den Wolf als auch die Ente spielt (mit Betonung auf »spielt«), damit geht die Inszenierung von Thomas Hollaender ganz offen um. Die Hände an Entes Hals sind klar erkennbar seine. Und das »Maul« ist nur ein rot verschmierter Schauspielermund. Übrigens spielt Garcia auch den Großvater. Und da »vertun« sich die mit auf der Bühne sitzenden Musiker anfangs gewaltig, indem sie nicht Sergej Prokofjews Großvater-Fagott spielen, sondern die federleichte Querflötenmelodie, die zum Vogel gehört.

Markus Reyhani hat diese bekannten Leitmotive für das Münchner Holzbläserquintett umgeschrieben und einen Großteil der ursprünglichen Musikdidaktik gestrichen. Aber man erkennt die Melodien noch prima, was die Grundschulkinder von gestern und heute freuen dürfte. Prokofjews Instrumentenlehre mit Märchenanstrich hat ja ein Dauerabo in deutschen Lehrplänen von anno dunnemals bis zum St. Nimmerleinstag. Dass die Schauburg den ewigen Schulstoff nun als Spielmaterial präsentiert, mit dem man frei jonglieren kann, ist erst mal eine schöne Idee. Die Schauspieler David Benito Garcia und Anne Bontemps teilen sich mit der Sopranistin Eva Bauchmüller den einleitenden Erzählsatz, hängen die Wolfsfalle an einen auf Zuruf von Schnürboden herunterfahrenden Ast und werden von neu komponierten, eher schlichten zeitgenössischen Zwischenstücken zum Beispiel beim Herausschleichen aus dem faden Großvatergarten begleitet. Pfeift der Wind, pusten die Musiker stumm in ihre Instrumente oder beklopfen sie sacht, wenn der Winterwald klingen soll. Die Klarinettistin setzt sich Katzenohren auf, geht streunen oder berichtet über ihre Liebe zu Vögeln (»am liebsten mit Haferflocken in lauwarmer Milch«).

Einiges ist herrlich verspielt und versponnen, anderes wirkt eher wie Füllmaterial, das das Ursprungsstück auf eine handelsübliche Länge bringen soll. Vor allem Hollaenders Text hat seine Tücken. So ist etwa die Sängerin als Haupterzählerin, Mahnerin und Vogelflüsterin manchmal auf altbackene Art oberschlau: »Er meint es nur gut!« oder: »So ein junger Mensch muss ja auch mal vor die Tür.« Wo bei Prokofjew am Ende die Ente noch aus dem Wolfsbauch quakt, sorgt ihr im Schnee liegender Schnabel hier schon früh für Klarheit. Dafür lässt Peter am Ende den Wolf wieder »in der Wildnis« frei: »Dort soll er leben!« Eine passende, wenn auch reichlich angekitschte Message zur Vorweihnachtszeit! ||

Peter und der Wolf
Schauburg – Theater für junges Publikum
31. Jan.| 9 und 10.30 Uhr
Tickets 089 23337155