Noch immer keine Geschenkidee? Vielleicht ist ja hier etwas dabei. Falls nicht, in der aktuellen Ausgabe finden Sie weitere Bücher, die Sie den Lieben unter den Baum legen können.

Terry Eagleton: Kultur

von Ralf Dombrowski
Kultur ist ein abgewirtschafteter Begriff. Das passt zwar nicht in die moralisierende Denkregelung eines sich effektvoll verschleiernden Kapitalismus, der sich gerne kulturell und kreativ gibt. Aber Terry Eagleton ist das egal. Er ist Professor für englische Literatur an der Universität von Manchester, sucht gerne nach Zusammenhängen und leistet sich den Luxus, auf der Basis umfassend durchblitzenden Wissens nüchterne und manchmal auch ernüchternde Urteile zu fällen. »Kultur« ist eine Streitschrift in sechs lose geklammerten, auch für sich bestehenden Kapiteln, die sich als Ausgangspunkt an Denkern wie Johann Gottfried Herder, Edmund Burke und Oscar Wilde orientiert, aber nicht am Historischen kleben bleibt, sondern die Analyse klar und prägnant formuliert in die Gegenwart verlängert. Beispiel: »Das Ziel des fortgeschrittenen Kapitalismus ist der Erhalt der Ungleichheit bei gleichzeitiger Abschaffung der Hierarchie.« Kürzer geht es kaum. Klarer auch nicht. Ein Buch voll mit anregendem, irritierendem Denkfutter. ||

TERRY EAGLETON: KULTUR
Aus dem Englischen von Hainer Kober
Ullstein, 2017 | 208 Seiten | 20 Euro

Max Goldt: Lippen abwischen und lächeln

von Matthias Pfeiffer
Wie viele Bücher sollte man von Max Goldt haben? Einzig mögliche Antwort: so viele wie möglich. Für Neueinsteiger empfiehlt sich die Sammlung »Lippen abwischen und lächeln«, in der vor allem Texte aus der Zeit von 2003 bis 2014 versammelt sind. Auf den 512 Seiten finden sich einige von Goldts großartigsten Gedankengängen. Beispielsweise, wenn es um die Neubewertung von Snobismus, den hässlichsten Satz der deutschen Sprache oder seinen preußischen Nachmittag mit dem Chanson-Urgestein Blandine Ebinger geht. Außerdem enthält der Band einige seiner herrlich-absurden Dialogszenen (»Hallo gnädige Frau! Hätten Sie vielleicht Lust, etwas über die herrlichen deutschen Mittelgebirgswälder zu erfahren?« – »Dazu habe ich leider nicht die geringste Lust. Aber wir können gerne darüber sprechen, wie unglaublich hässlich wir beide sind.«). Wer also bisher noch keine Erfahrung mit dieser Mischung aus klugen Beobachtungen, bizarrem Humor und sprachlicher Kunstfertigkeit hat, sollte sich jetzt dranwagen. ||

MAX GOLDT: LIPPEN ABWISCHEN UND LÄCHELN
Rowohlt, 2016 | 510 Seiten | 24,95 Euro

Margaret Atwood: Die steinerne Matratze

von Christiane Pfau
Neun Erzählungen, eine erstaunlicher als die andere: Die Grande Dame der kanadischen Literatur fesselt seit Jahrzehnten ihre Leser mit Romanen wie »Der blinde Mörder» oder »Alias Grace«. Im Kurzformat komprimiert sie, was man schon auf der Langstrecke liebte: eine lakonische, merkwürdig schwebende Sprache, dramaturgische Ideen, die den Leser in Irrgärten und bizarre Landschaften menschlicher Beziehungen (ver-)führen, und Humor, der an Boshaftigkeit kaum zu übertreffen ist. Ob es nun die tote Hand ist, die ihr Unwesen treibt, ein Antiquitätenverramscher, der versehentlich in ein Kapitalverbrechen gerät, oder eine alte Dame, die unverdrossen den Vergewaltiger aus ihrer Jugend neutralisiert: Die Protagonisten sind allesamt auf ganz besondere Weise lebenserfahren und deshalb kaum mehr aus der Ruhe zu bringen, gerade wenn es um finale Entscheidungen geht. Als Leser kann man sich nur der Hauptfigur aus »Fackelt die Alten ab« anschließen: Man »will einfach nur sehen, was als Nächstes
geschieht. Es wird ganz bestimmt nicht das Übliche sein.« ||

MARGARET ATWOOD: DIE STEINERNE MATRATZE
Aus dem Englischen von Monika Baark
Berlin Verlag, 2016 | 304 Seiten | 22 Euro