Stefan Kastner lässt in seinem neuen Werk »Die Haltestelle« die bunten 70er Jahre in die Gegenwart abfärben.

(v.l.n.r) Rainer Haustein, Susanne Schröder und Uli Zentner | © Franz Kimmel

Wenn am Münchner Hauptbahnhof weder Touristen noch gestresste Pendler, Geschäftsreisende oder Geflüchtete ankommen, sondern der Doge von Venedig auf Staatsbesuch und Pablo Picasso samt Gemahlin, wenn dort im Garten der Bahnhofsmission Krautköpfe sprießen und eine Priesterin der Aphrodite mit ihren Lateinschülern die Stellschrauben an den Gleisen repariert, dann liegt für Kenner der hiesigen Theaterszene die Vermutung nahe, dass es sich nur um das neue Stück von Stefan Kastner handeln kann. Dessen unbändig mäandernde Geschichten durchströmen nun schon fast zehn Jahre lang die Münchner Bühnenlandschaft wie die grüne Isar ihr Kiesbett.

Seit seiner Initiation als Mitwirkender im legendären »Stüberl« der Bairishen Geisha hat sich der gelernte Operntenor mit wachsender Leidenschaft aufs Inszenieren und Verfassen der dazugehörigen Dramen verlegt. Musikalisch ist das allemal auch – in der kontrapunktischen Komposition geheimnisvoller Berührungslinien von der Antike bis in die Eisenbahnersiedlung von Berg am Laim (wo Kastner, Jahrgang 1963, aufwuchs) oder von Wagner-Anklängen bis zu den Auftritten des Müttergesangsvereins. Der wird auch diesmal bei der Uraufführung von »Die Haltestelle« im Schwere Reiter wieder mit von der Partie sein, zusammen mit Rainer Haustein, Judith Huber, Inge Rassaerts, Susanne Schroe der und Uli Zentner, allesamt Mitglieder von Kastners über die Jahre gewachsener Theaterfamilie, samt einiger Neuzugänge noch dazu.

Mit seiner ureigenen Mischung an frei sprudelnder Fantasie und präziser Beobachtung beschreibt Kastner den Kosmos der kleinen Leute, nicht weil er sie unbedingt für bessere Menschen hält, sondern weil er ihre vitale Widerständigkeit schätzt und ihnen mehr Selbstbehauptungskraft zutraut als so manchem stromlinienförmigen Karrieristen. Auch die Zeit gerät ihm dabei gern ein wenig aus dem chronologischen Trott und schlägt Brücken in historische Tiefen wie in die eigene Lebensgeschichte hinein. Das neue Stück spielt deshalb einerseits in einer zeitlosen Vergangenheit, als es in der Münchner Vorstadt noch Trödler, Scherenschleifer und manchmal eine Sturmflut gab, und andererseits irgendwann kurz vor der Olympiade 1972. »Als Kind oder als junger Erwachsener«, so Kastner, »waren für mich die 70er das allerschrecklichste Jahrzehnt, aber heute, aus der Distanz betrachtet, find’ ich sie wesentlich bunter und vogelwilder als die Zeit jetzt, fleischiger irgendwie, jetzt ist alles so moralisch trocken geworden und die Leute sind alle so eingespannt.«

Bevor der rastlose Schaffensfluss auch bei ihm zum Strudel zu werden drohte, stellte sich bei Kastner selbst der Wunsch nach einem Moment des Innehaltens ein, der nun im neuen Werk »Die Haltestelle« allerdings auch schon wieder schöpferischen Niederschlag gefunden hat. »Irgendwie musste es anders, ruhiger werden«, erinnert er sich an sein Gefühl im letzten Jahr. »Ich wollte nicht mehr so viele
Baustellen haben mit Singen und Schreiben. So einfach mit Volldampf voraus wie mit vierzig, das geht
einfach nicht mehr.« So ist denn Karl, die Hauptfigur des neuen Stücks, selbst ein Musterbeispiel entschleunigter Life-Balance, ein rüstiger Mitfünfziger mit abgeschlossener Berufsausbildung bei einem namhaften Herrenausstatter in der Fußgängerzone und seither auf der Suche nach einer standesgemäßen Festanstellung. Seine Tage verbringt er am kommunikativen Knotenpunkt der Bushaltestelle vor dem Hauptbahnhof, wo er sich mit Engagement und liebenswürdiger Penetranz an jeden ranschmeißt, der sein Revier durchkreuzt – vomBusfahrer bis zum Picasso, den zu verkörpern Kastner sich selbst nicht nehmen lässt. Aus pragmatischen Gründen, versteht sich, denn eigentlich wollte er auf gar keinen Fall mitspielen. Aber sonst müsste ja noch jemand bezahlt werden und außerdem, den großen Maler in einem kleinen Auftritt, das macht er dann doch ganz gern. Was als Ruhepause geplant war, wird also nun mit 20-köpfiger Besetzung am 13. Dezember Premiere haben und allen Prognosen nach ein großer Bahnhof zu Ehren der Liebesgöttin Aphrodite werden. ||

DIE HALTESTELLE
Schwere Reiter| Dachauer Str. 114 | 13.–17. Dez.| 20.00 Uhr
Tickets: 0152 05435609