Die Tanja Pol Galerie zeigt den installativen Kosmos der jungen Künstlerin Sophie Schmidt.

»Flügelschlaghörungen im Notre Dame«| 2016 | Mischtechnik auf Papier, 32 x 24 cm || © Sophie Schmidt

Bäuche, Busen und Lungenflügel. Zarte, gelenkige Skulpturen, die in den Raum greifen, farbkräftige Bilder und ein poetischer Umgang mit Text. In den Räumen der Tanja Pol Galerie entfaltet sich ein wildes Panoptikum aus Arbeiten von Sophie Schmidt, organisches Material trifft auf Plastik, Zungenskulpturen hängen von der hohen Decke, aus Metall und Kunststoff gefertigte Skulpturen wirken wie experimentelle Maschinen oder medizinisches Gerät. Die junge Münchner Künstlerin schöpft in ihrer künstlerischen Praxis aus ihrem individuellen Kosmos aus Formen, Farben und Begriffen. Sophie Schmidt spielt mit organischen Motiven, bricht diese auf, verfremdet und verformt sie.

Sie integriert gekonnt Sprache, die sie auf Bildern, in Titeln und in Performances nutzt. Neologismen und elegante Wortverbindungen eröffnen wilde Assoziationsräume, da ist von »Bauchigungen« die Rede und von »Gesangslüftungsanlagen«. Unter dem enigmatischen wie poetischen Titel »Gurkenfresserzahnung vor der Urmuttermilchlegung« zeigt sie nun aktuelle Arbeiten in der Tanja Pol Galerie. Sophie Schmidt erweitert in ihrem künstlerischen Ansatz die Parameter von Skulptur, Installation und Performance. Viele Teile des installativen Arrangements sind direkt in der Galerie entstanden, ortsspezifisch für die dortigen Räume. Sicher platziert sie eine fragil scheinende Lungenflügel-Skulptur vor den hohen Fenstern der Galerie, ein Nebenraum wird zu einer »Herzkammer« mit hochenergetischen Strahlen- und Organ-Kompositionen.

Zerlegung und Neuordnung

Körper und Anatomie sind zentrale Themen in Schmidts Arbeiten. Es tauchen Motive von menschlichen Körpern auf, auch von Tieren, Pflanzen und Insekten. Sophie Schmidt reflektiert Verletzlichkeiten und Brutalität, sie verformt und erweitert Körper durch Prothesen und medizinisch wirkende Schläuche. Durch Textbilder ergänzt sie den Einblick in ihre Welt. Die geborene Starnbergerin studierte zunächst Philosophie und Neuere Deutsche Literatur, um sich dann der Kunst zu widmen. An der Münchner Akademie der Bildenden Künste lernte sie bei Stephan Dillemuth und Stephan Huber und schloss dieses Jahr als Meisterschülerin ab. 2016 wurde ihr der Examenspreis der Stiftung Kunstakademie München sowie 2017 der Debütantenpreis des Bayerischen Staatsministeriums für Forschung, Wissenschaft und Kunst verliehen. Letztes Jahr war Sophie Schmidt für den Förderpreis für junge Kunst des Kunstclub13 nominiert und erhielt für ihre Performance den Publikumspreis. Im Moment hat sie ein Arbeitsstipendium der Van Eyck Academie in Maastricht.

Zwischen München und den Niederlanden ist nun auch diese Ausstellung entstanden, manche Skizze hat sie im Speisewagen gezeichnet. Bewegung ist auch ein Themenfeld in der Ausstellung. In ihren Performances besteigt sie ihre Skulpturen, sie werden so zu »Fortbewegungsmaschinen«, die andere Formen der menschlichen Mobilität erörtern. Sophie Schmidt spielt in ihrer individuellen Forschung mit der Idee einer Erweiterung und Verwandlung des Konzepts Mensch. Sie zerlegt Bestehendes und setzt es, nach einer ihr immanenten Logik, neu zusammen. In ihren Bildern und Skulpturen verkörperlicht sie Werdungs- und Transformationsprozesse, organische wie mechanische. Die Performances sind dabei durchaus experimentelle Selbstversuche, in denen sich die Künstlerin an die eigenen Grenzen bringt.

Prothesen, Körpererweiterungen und Neukombinatorik von Material und Text – Sophie Schmidt schafft in ihrer Ausstellung einen intimen Blick in ihren Prozess des Artistic Research. Ihre Arbeiten sind konsequent, auf den ersten Blick wirken sie zart, aber haben doch eine immanente Kraft. Sie spricht elementare Themen an und verhandelt diese poetisch, expressiv und mit Liebe zum Detail. Das in den Skulpturen eingearbeitete organische Material hat sie saisonal ausgesucht. Für die herbstliche Ausstellung fiel ihre Wahl auf satte Kohlköpfe und Granatäpfel. Langsam schrumpft der Sockel aus Sellerieknolle, über dem die Kondensmilchflasche balanciert. ||

SOPHIE SCHMIDT – GURKENFRESSERZAHNUNG VOR DER URMUTTERMILCHLEGUNG
Tanja Pol Galerie| Ludwigstr. 7 | bis 22. Januar (23.12.–5.1. geschlossen) | Di bis Fr 11–18 Uhr, Sa 12–15 Uhr | Performance zur Finissage am 23. Januar, 18.30 Uhr
Die Publikation »Nur kurz zur Übersicht«, 362 Seiten, deutsch/englisch, kostet 40 Euro