Diese Bücher bringen Sie über den Winter. Für den Wunschzettel und den Gabentisch. Weitere Tipps gibt es in unserer Printausgabe.

Franzobel – Das Floß der Medusa

von Chris Schinke
Zarte Gemüter seien vorgewarnt: »Das Floß der Medusa« ist wahrlich nichts für schwache Nerven. Dabei könnte man meinen, in diesem historischen Roman gehe es einigermaßen manierlich zu. Eine feine europäische Gesellschaft samt proletarischem Unterbau macht sich per Schiff, der Medusa, auf in den Senegal, ein Land als Projektionsfläche für koloniale Fantasien. Doch die Medusa läuft auf eine Sandbank auf, ihr Rumpf zerreißt auf hoher See. Aus vielen Perspektiven vermittelt sich diese Havarie: vom Schiffsjungen Viktor bis zum unfähigen Kapitän und zu Savigny, dem Schiffsarzt mit aufklärerischer Mission, und wandelt sich vom Historienroman zur absurden Splattergroteske. Der anfängliche Ekel vor Menschenfleisch wird schnell abgelöst durch das dringende Bedürfnis nach Proteinzufuhr bei den von Hunger bedrohten Mannen, die fortan auf einem Floß dahinschippern. Und so gehen den Havarierten innerhalb von Stunden die grundlegendsten zivilisatorischen Werte flöten – sie fressen sich buchstäblich gegenseitig bei lebendigem Leib. Der historische Abstand der Erzählung lässt beim Leser kein Behagen aufkommen, im Gegenteil fragt man sich, ob es mit uns Heutigen so viel weiter her wäre. Der moralische Schiffbruch als anthropologische Konstante. Die Pointe: In Franzobels fulminanter und zu Unrecht nicht mit dem Deutschen Buchpreis bedachten Erzählung besteht die Hoffnung der geflüchteten Europäer darin, dass die Afrikaner sie aus dem Schlamassel retten mögen. ||

FRANZOBEL: DAS FLOSS DER MEDUSA
Zsolnay, 2017 | 592 Seiten | 26 Euro

Ror Wolf – Die Gedichte

von Petra Hallmayer
Es gibt immer noch Menschen, die Ror Wolf nicht kennen, und das ist wirklich traurig. Nun liegen alle seine Gedichte in einem Band vor, die Abenteuer Waldmanns, den der Germanist Friedmar Apel zum »Deutschen Meister der Kunst des Scheiterns, der Malaisen, Makel und Malheure« kürte, die Fußball-Sonette, Verse für Regentage und Katermorgen, die so schöne Titel tragen wie »Nach dem Öffnen des sechsten Bieres im Mai« oder »Ein überflüssiges Ende von gar nichts«. Man darf bei seinen Poemen, die nie wichtigtuerisch mit Bedeutsamkeit prahlen, in denen sich in der Komik die Abgründe auftun, herzlich lachen. Es ist, wie es ist, sagen seine Alter Egos, doch indem sie sich dreinschicken in die Verfasstheit der Welt, öffnen sie unsere Augen für den Schrecken der Normalität, das Unerhörte der Tatsachen, der Sinnfreiheit und Banalität des Lebens und des Sterbens. Diesen Lyrikband, in dem sich so wunderbar Reimlust, Witz und Melancholie paaren, kann man selbst jenen armen Wichten (und Wichtinnen) schenken, die gemeinhin keine Gedichte lesen. ||

ROR WOLF: DIE GEDICHTE
Schöffling & Co., 2017 | 576 Seiten | 25 Euro

Alexander Kluge / Georg Baselitz – Weltverändernder Zorn. Nachricht von den Gegenfüßlern

von Sven Hanuschek
Georg Baselitz hat eine Serie von Hokusai-Porträts neben Skizzen und Zeichnungen aus dem Horizont seines übrigen Werks gestellt, Skizzen von Helden, Soldaten, zornigen, zerstückten Menschen – und der alte japanischeKünstler zeigt, oft spöttisch, von rechts nach links, von Ost auf West. Alexander Kluge sind dazu viele Geschichten eingefallen, keine Bildbeschreibungen, sondern Geschichten, die mit Baselitz’ Skizzen in Dialog treten. Zorn ist für Kluge, wie der Eigensinn, eine starke menschliche Kraft, die auch in den schlimmsten Epochen der Menschheitsgeschichte zutage tritt und ihre Wege findet. Kluges Suche nach den Strudeln und Fixpunkten des Weltgeistes, nach betrunkenen Elefanten und den sieben Kräften des Auftriebs ist aufregend, kurzweilig, philosophisch – ein Vademecum zum Mehrmalslesen. ||

GEORG BASELITZ, ALEXANDER KLUGE: WELTVERÄNDERNDER ZORN. NACHRICHT VON DEN GEGENFÜSSLERN.
Suhrkamp, 2017 | 238 Seiten | 28 Euro