»120 BPM« von Robin Campillo erzählt vom Kampf junger AIDS-Aktivisten im Paris der 90er Jahre. Schnell wird jedoch das Politische privat – und die dokumentarische Sozialstudie zum bewegenden Drama.

Nahuel Perez Biscayart in »120 bpm« | © Verleih Edition Salzgeber

»Wenn ihr eine Wortmeldung habt«, erklärt der Mann mit Käppi auf dem kahlen Kopf und grauem Logoshirt den Neulingen, »hebt ihr die Hand, tragt euch in die Liste ein und wartet, bis ihr dran seid. Ist eure Rede zu lang, werdet ihr ein Zeichen bekommen. Und um Zustimmung zu den Beiträgen anderer auszudrücken, wird bitte nicht geklatscht, sondern nur mit den Fingern geschnipst« – ganz schön viele Vorschriften für das Treffen einer anarchistischen Aktivistengruppe, die es sich auf die Fahne geschrieben hat, die festgefahrene Ohnmacht von Staat und Gesellschaft im Kampf gegen die AIDS-Epidemie mit teils drastischen Mitteln aufzurühren. Auch eine Revolution braucht eben Regeln – vor allem, wenn man selbst nicht viel Zeit zu verlieren hat.

Paris, 1990er Jahre: Seit etwa zehn Jahren ist AIDS bekannt, 1981 wurden in Los Angeles die ersten Fälle identifiziert. Nach New Yorker Vorbild hat sich in der französischen Hauptstadt die Gruppe ACT UP Paris (Aids Coalition to Unleash Power) gebildet, die sich gemäß ihres Namens auflehnt: gegen das Schweigen der Regierung unter Präsident Mitterand, gegen die Pharmaindustrie, die die Herausgabe neuer Medikamente kalkuliert verzögert und gegen das Stigma einer unaufgeklärten Gesellschaft, die in der Krankheit nicht selten noch die wenn nicht unbedingt gerechte, so doch selbstverschuldete Strafe für einen ausschweifenden Lebensstil sah.

Die Politik der ersten Person

Dabei romantisiert der Film »120 BPM« (Battements par minute) nichts, auch nicht die spektakulären Aktionen der Gruppe: Denn Lobby-Arbeit ist vor allem organisatorisch ein hochkomplexes Projekt – Flugblätter erstellen, Slogans entwickeln, die Herstellung von Theaterblut in der hauseigenen Badewanne. Einmal die Woche treffen sich deshalb die Mitglieder, ein buntes Panorama der LGBT-Community, um den Aufklärungskampf voranzutreiben; da wird schon mal die Strategie der letzten Aktion kritisch durchexerziert, das Kunstblut noch an den Köpfen. So begleitet Regisseur Robin Campillo, der in den Neunzigern selbst bei ACT UP Paris aktiv war, die wöchentlichen Meetings in beinahe dokumentarischem Stil: Die erste Hälfte des Films ist maßgeblich vom Kollektiv der Gruppe geprägt, vom Kampf und seiner Rhetorik.

Doch bald wird klar: Was diese Gruppe antreibt, sind keine abstrakten Ideologien, sondern eine Politik der ersten Person. Denn während es sich der Pharmakonzern Melton Pharm in jeder Hinsicht leisten kann, neue Heilmittel bewusst zurückzuhalten, läuft den Erkrankten mit jeder infizierten T-Helferzelle die Zeit davon. Für sie wird das Politische unweigerlich privat, das wird nicht nur am Alltag der Mitglieder deutlich, die sich bei einer Aktion zwischen dem Werfen zweier Kunstblutbeutel auch mal Tabletten einschmeißen müssen, sondern auch an der Verschiebung des Narrativs selbst, das sich von dokumentarischer Milieustudie zum emotionsgeladenen Individualdrama wandelt: Sean, der ebenso charismatische wie rebellische Gruppenanführer ist HIV-positiv, Neuling Nathan negativ – da scheint es scheint unvermeidlich, dass die beiden sich anziehen. Die zarte Liebesgeschichte zwischen den beiden greift wie ein Virus auf den Film über, und das erweist sich eben nicht (nur) als dramaturgischer Kunstgriff, sondern vor allem als Illustration einer Wirklichkeit, in der das Verteidigen gesellschaftlicher Rechte zwangsweise vom persönlichen Überlebenskampf überschattet wird.

Realität statt Parolen

Campillo erzählt diese Zäsur in deutlich langsamerem Tempo, aber konsequent kraftvoll. Nach den Aktionen gehen die Aktivisten oft tanzen – das Licht des Dancefloors zerbricht unter dem mikroskopischen Blick der Kamera dabei in Staubpartikel, die werden zu Blutkörperchen. Der Film erhebt hier eine organisch-intime Ästhetik zum ordnenden Prinzip, die, genauso wie die unglaublich zarte und aufwühlende Sexszene zwischen Sean und Nathan, deutlich macht, dass die Protagonisten am Ende nicht nur mit dem Scheitern einer untätigen Regierung konfrontiert sind, sondern vor allem mit ihrer eigenen Sterblichkeit. Der körperliche Verfall Seans, der fortan einen individuellen Kampf austrägt, verleiht dem Film dabei eine neue kinematographische Intensität, die sich der Strategie der Aktivistengruppe selbst insofern bedient, als sie den Zuschauer statt mit generischen Parolen lieber mit der nackten Realität erzieht – im Film ziehen die Mitglieder nach dem Tod eines Freundes mit seinem auf Plakate gezogenen Konterfei durch die Straßen, Campillo selbst erzeugt dies durch die subtile Genreverschiebung.

In Cannes gefeiert und fünffach ausgezeichnet und für Frankreich als Oscar-Nominierung ausgewählt, beweist »120 BPM«, dass er bereits jetzt ein wichtiger Beitrag im Aufklärungskampf gegen die »Krankheit der Anderen« ist – im Politischen wie im Privaten. Beide Teile sind dabei für das Gelingen dieses Films gleichermaßen von Bedeutung, bedingen sich gegenseitig, so wie das sozialpolitische Verständnis der AIDS-Epidemie unabdingbar ist für die emotionale Wucht der fiktiven Liebesgeschichte: Sie sind der Herzschlag dieses sehr wichtigen und berührenden Films.

120BPM
Frankreich 2017 | Regie: Robin Campillo | Mit: Nahuel Perez
Biscayart, Arnaud Valois u. a. | 143 Minuten
Ab jetzt im Kino
Trailer