Diane Kruger in »Aus dem Nichts« | © 2016 Warner Bros. Ent.

»Eine ganz persönliche Geschichte über Trauer« nennt Fatih Akin seinen neuen Film. Doch »Aus dem Nichts« ist nicht nur das Einzelschicksal einer Frau, die Mann und Kind bei einem Bombenanschlag verliert, sondern auch eine filmische Transposition der NSU-Affäre, die Deutschland ab dem Ende der
Neunziger Jahre erschütterte und bis heute nicht aufgearbeitet ist. Denn neben dem mörderischen Trio, das sich im Film auf ein nicht weniger skrupelloses Geschwisterpaar reduziert, sitzt bei diesem Prozess vor allem die deutsche Justiz auf der Anklagebank: Jahrelang ermittelten die zuständigen Behörden – auf dem rechten Auge blind – in die falsche Richtung, leugneten nationalsozialistische Hintergründe und taten die Gewaltakte auf überwiegend Türkischstämmige als »Döner-Morde« ab.

Der Film ist also nicht zuletzt durch Akins eigene Herkunft ein klarer Angriff auf schablonenartige Schlüsse: Der Hintergrund des Kurden Nuri Sekerci als Exhäftling wegen illegalen Drogenhandels und die bei einer Hausdurchsuchung sichergestellten Rauschmittel – die seine hinterbliebene Frau besorgte, um ihren Schmerz zu betäuben – reichen den Polizisten, um mit dem Fall innerlich abzuschließen: eine Tat aus dem eigenen Milieu; krumme Geschäfte, vielleicht Rache, wahrscheinlich Schulden, man kennt das. Doch Katja, als Witwe zwischen ihrer ohnmächtigen Qual und dem Drang nach Vergeltung großartig gespielt von Diane Kruger, selbst blond, blauäugig, ahnt als Erste, dass die Tat rassistisch motiviert war. Und allmählich keimt in ihr die Überzeugung: Jemand muss für diesen brennenden Schmerz in ihrem Inneren zahlen. Wie man eine Nagelbombe baut, weiß sie ja bereits aus dem Gerichtsprozess …

Fatih Akin breitet sein Racheepos in den Teilen »Die Familie«, »Gerechtigkeit« und »Das Meer« aus und oszilliert genretechnisch dabei zwischen Gerichts-Kammerspiel und packendem Thriller. Dass dieses emotionsgewaltige Triptychon dabei nur eine mögliche Auslegung von Gerechtigkeit anbietet, ist dabei ebenso entschuldbar wie effektiv: Akin ist ein sehr persönlicher Film über eine kollektive Tragödie gelungen. ||

AUS DEM NICHTS
Deutschland, Frankreich 2017 | Regie: Fatih Akin
Mit: Diane Kruger, Denis Moschitto, Numan Acar | 106 Minuten
Kinostart: 23. November
Trailer