Amélie Niermeyer produziert im Resi mit »Gloria« Klischees – und Langeweile.

Smalltalk im Fernsehstudio: Gunther Eckes (Dean, l.), Lilith Häßle (Nan), Christian Erdt (Rashaad) | © Adrienne Meister

Dass sie alle so was von abgefuckt sind, merkt man sofort. Amélie Niermeyer folgt darin dem Autor aufs Wort: Das Geheimnis bleibt gänzlich ausgespart in ihrer deutschen Erstaufführung von Branden Jacobs-Jenkins »Gloria« am Residenztheater. Was dem Amokläuferstück die Nominierung für den Pulitzerpreis eingebracht hat, ist schon beim Lesen rätselhaft. Die blutige Tat selbst wirkt draufgeschafft, die gelangweilten Zyniker in den Großraumbüros einer Kulturredaktion und einer TV-Produktionsfirma sind uninteressante und von Akt zu Akt schrillere Schablonen. Dabei stimmt es ja, dass die Medienwelt ihren Nachwuchs in ewigen Warteschleifen hält, bis er von blutjungen Bloggern rechts überholt wird. Zur Mediensatire fehlt dem Well-made-Play des studierten Anthropologen (Jahrgang 1984) indes die Schärfe. Und um – im zweiten Akt – den Mechanismen sensationsvampiristischer Schriftstellerei auf den Grund zu gehen, fehlt ihm die Tiefe.

Aber Niermeyer bleibt uns nicht nur die Antwort darauf schuldig, warum »Gloria« dennoch auf die Bühne muss. Ihre große Regieroutine lässt das nach dem Shooting immer redundanter werdende Drama zwar einigermaßen gefällig abschnurren, stellt ihr aber gerade bei den Frauenfiguren ein Bein. Da wird es teils fast sexistisch: Cynthia Micas als Schlange Kendra und Marina Blanke als Ani zeigen unaufhörlich ihre Beine und versuchen mit aller Macht, wie die verführerischen und karrieregeilen Raubtiere auszusehen, die man in einem New Yorker People-Magazin eben so vermutet: untätig herumhängend, niemandem nichts gönnen könnend, Bosheiten austauschend, immer mit einem Starbucks-Becher in der tipptopp manikürten Pfote – oder zu einem neuen Becher unterwegs. Lilith Häßle spielt die Titelfigur anders.

Aber Gloria ist ja auch der Mensch im Raubtierkäfig; das Mauerblümchen aus der Schlusskorrektur, das auf der eigenen Party seinen »sozialen Marktwert« zu schmecken bekam und nun zur Knarre greift. Als Nan – die zur Tatzeit unter ihrem Schreibtisch kauernde Chefin, die den Amoklauf gewinnbringend vermarktet – macht Häßle dann doch noch dasselbe vorabendserienhaft affektierte Gewese wie ihre Kolleginnen. Alle spielen hier wie vom Autor vorgeschrieben mehrere Rollen – außer Bijan Zamani, dessen zauseliger Lorin vom Faktencheck sich bei jedem Beschwerdegang in die Kulturredaktion den Kopf anhaut (jaja, die »Dinner for one«-Masche, aber es wird gelacht!) und am Ende als einziger Leben, Gesundheit, Seele und wenigstens ein bisschen Durchblick behält: der zweite Mensch – und auch darstellerisch ein Lichtblick an diesem Abend, der den Männern insgesamt mehr schauspielerische Differenzierung erlaubt. Der dritte ist Dean, der einzige überlebende Zeuge von Glorias Tat, dessen Frustration und Verzweiflung Gunther Eckes greifbar werden lässt. Mehr war nicht dran, mehr war nicht drin an dem Abend. Außer ein paar noch grellere Filmbilder zum Finale, wo der ganze Wahnsinn als super authentische Reality Soap von vorne beginnt. Jedenfalls fast. Denn es ist nur ein Trailer. ||

GLORIA
Residenztheater| 22. Nov., 19., 23. Dez.
20 Uhr | 7. Dez.| 20.30 Uhr | Tickets: 089 21851940