Dorothea Schroeder / AKA:NYX fragt in »Kalte Heimat – Was heißt woher?« nach dem Ankommen damals und heute.

Flüchtlinge haben viele Augen © Paul Huf

Geschichten von Flucht gibt es so viele wie Geflüchtete, und meist sind sie von traumatischen Erlebnissen überschattet, die seitens der Zuhörer kaum andere Reaktionen als Mitleid, Trauer oder hilfloses Entsetzen zulassen. Wie aber geht es weiter, wenn die unmittelbare Gefahr überwunden, wenn Leib und Leben nicht mehr bedroht sind, aber trotzdem noch nichts wieder normal ist? Was bedeutet Ankommen in Deutschland, und wie war das früher, vor 25, 35 oder gar 70 Jahren, als schon einmal große Scharen entwurzelter Menschen – Vertriebene, Aussiedler, Boatpeople aus Vietnam und Opfer der Jugoslawienkriege – hier eine neue Heimat fanden?

In ihrem dokumentarischen Theaterprojekt »Kalte Heimat – Was heißt woher?« untersucht die Regisseurin Dorothea Schroeder auf der Grundlage von Zeitzeugen-Interviews Parallelen und Unterschiede zwischen damals und heute. Zentral geht es ihr dabei um die Frage: »Wie sieht eine Gesellschaft aus, die Menschen aufnimmt? Warum fühlt sich das gerade so schwierig an? Und wie kann es funktionieren?« Die Idee entstand im Herbst 2015, als der große Andrang der Flüchtenden für kurze Zeit noch von der Welle aus Solidarität und Hilfsbereitschaft übertroffen wurde: »Die Euphorie war da, aber auch die Fragestellung, was passiert jetzt? Es begann langsam zu kippen«, erinnert sich Schroeder. Vor dem Hintergrund der – noch immer nicht gelösten – Situation erscheint ihr der Blick in die Vergangenheit naheliegend, auch oder gerade, weil sie in der eigenen Familie keine Flucht oder Vertreibung kennt.

Ein bisschen nachbohren

Interessiert haben sie die Geschichten von früher schon immer, »weil mir das Freude macht, mit alten Menschen zusammenzusitzen und mir erzählen zu lassen«, sagt sie, »und weil ich manchmal Angst bekomme, dass Geschichten verloren gehen.« Ihre Gesprächspartner findet sie nach dem Schneeballprinzip, über offizielle Anlaufstellen, aber oft sind es auch Freunde von Freunden oder von Mitwirkenden aus früheren Projekten. Die Lebensläufe mussten in diesem Fall nur einen gemeinsamen Nenner haben: die Notwendigkeit, die Heimat zu verlassen. »Gerade Menschen, die sagen, meine Geschichte ist nicht spektakulär, können für uns spannend sein«, so Schroeder.

Bei den Interviews, bei denen auch die späteren Darsteller anwesend sind, hört sie sich immer alles an, auch wenn es zunächst über das Leben vor der Ankunft geht – »Da muss man manchmal ein bisschen nachbohren, aber dann kommt auch dazu noch ganz viel.« Die so gewonnenen O-Töne schreibt Schroeder zu Texten um, die von Schauspielern gesprochen werden und aus denen im Laufe der Aufführung Impulse kommen, über die zusammen weiterdiskutiert werden kann. Die spezielle offene Interviewtechnik und Methodik der Stückgenerierung hat sie zusammen mit Nina Gühlstorff entwickelt, mit der sie seit Abschluss des Regiestudiums an der Bayerischen Theaterakademie verschiedene dokumentarische Theaterprojekte realisiert hat, so 2009 in Jena »Der Dritte Weg. Eine theatrale Demonstration« über Alternativvorstellungen zur Wiedervereinigung nach 1989 oder zuletzt 2016 in München und Augsburg »Schluchten – neue Nachbarn«, ein denkwürdiger theatraler Stadtspaziergang in die Nachbarschaft ehemaliger Wohnsiedlungen von Sinti und Roma.

Der Titel des neuen Projekts geht auf das Buch »Kalte Heimat« von Andreas Kossert (2008) über die Geschichte der deutschen Vertriebenen nach 1945 zurück, die von ihren Landsleuten in den westlichen Besatzungszonen keineswegs immer mit offenen Armen aufgenommen wurden. Neben vier Schauspielern und zwei Musikern werden auch sechs junge Geflüchtete aus Syrien und Afrika bei den Aufführungen, diesmal ortsfest im Café des Bellevue di Monaco, mitwirken. »Man braucht keine Angst vor Mitmachtheater zu haben, aber es sollen sich theatrale Momente und Szenen mit dialogischen Phasen mischen«, verrät Schroeder zum Ablauf. »Es kann passieren, dass sich zwei Menschen gegenübersitzen und miteinander reden.« Zum Schluss soll gekocht werden – libanesisch-syrisch-pommersch würde sich anbieten. ||

KALTE HEIMAT – WAS HEISST WOHER?
Café im Bellevue di Monaco| Müllerstr. 2 / Ecke
Corneliusstraße | 20., 26., 27. November | 19.30 Uhr
Tickets: 0176 77697772 | info@kalteheimat.de