Das ganze Spektrum der Malerei Gabriele Münters eröffnet die Ausstellung im Kunstbau des Lenbachhauses. Ein Gespräch mit Kuratorin Isabelle Jansen.

Gabriele Münter: »Haus in Schwabing«| 1911 Öl auf Leinwand, 88,3 × 100,3 cm | Milwaukee Art Museum, Gift of Mrs. Harry Lynde Bradley
Foto: P. Richard Eells, | © Artists Rights Society
(ARS), New York / VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Das Lenbachhaus hat einen gewichtigen Teil seiner weltweiten Attraktivität Gabriele Münter zu verdanken. Denn sie bewahrte, nachdem sich Wassily Kandinsky von ihr getrennt hatte, dessen künstlerischen Nachlass in ihrem Besitz und rettete ihn sowie ihre Sammlung aus dem Kreis des Blauen Reiter im Keller ihres Murnauer Hauses über die Zeit des Nationalsozialismus und den Krieg hinweg. 1000 Werke des Blauen Reiter schenkte Münter 1957, anlässlich ihres 80. Geburtstages, dem Lenbachhaus. Dessen Direktor, Hans Konrad Roethel, war schon seit 1952 mit Münters Lebensgefährten Johannes Eichner und der Künstlerin befreundet und unterstützte deren Plan einer Stiftung. Münter starb 1962 und durch testamentarische Verfügung wurde vier Jahre später die Gabriele Münter- und Johannes Eichner-Stiftung rechtsfähig, die mit Münters künstlerischem Nachlass und vielen Dokumenten als einzigartiges Forschungszentrum zum Blauen Reiter fungiert.

Isabelle Jansen ist die aktuelle Leiterin der Stiftung, die das Œuvre Münters in jeglicher Hinsicht pflegt und sich auch um das seit 1998 als Erinnerungs- und Ausstellungsort zugängliche Münter-Haus in Murnau kümmert. Auch die Ausstellung im Kunstbau, die nach Redaktionsschluss eröffnet wurde, hat Isabelle Jansen kuratiert. »Die Bilder sind bescheiden gemalt, aus einem ehrlichen inneren Trieb entstanden«, schrieb Wassily Kandinsky 1913 über seine Partnerin. Gemeint war das als hohes Lob für ihre Ursprünglichkeit, ungewöhnliche Begabung und »wirkliche Künstlerschaft«. Solche Etiketten wie Unmittelbarkeit und Einfachheit diskutiert die Ausstellung als Teil eines komplexen ästhetischen Konzepts.

»Das Frühstück der Vögel«| 1934 | Öl auf Pappe, 45,5 × 55 cm | Courtesy of the National Museum of Women in the Arts, Washington, D.C. Gift of Wallace and Wilhelmina Holladay, Foto: Lee Stalsworth © VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Nach der letzten großen Retrospektive Münters 1992 im Lenbachhaus gab es Ausstellungen zur Fotografie und zur Druckgrafik, Münter war in Bordeaux, London, Chemnitz und Hannover zu sehen. Die Sommerausstellung in Murnau und Oberammergau widmete sich dem Verhältnis zur Volkskunst. Ihre Ausstellung will, so heißt es im Katalog, die »reduzierte Rezeption von Münters Arbeit erweitern«
Trotz dieser Ausstellungen ist die Rezeption von Münters Werk letztendlich im Kontext des Blauen Reiter verhaftet geblieben. Wir zeigen jetzt erstmals frühe Fotos aus Nordamerika in Gegenüberstellung zu ihrer Malerei. Und wir präsentieren ihr Werk nicht in chronologischer Abfolge, sondern in thematischen Schwerpunkten, die den Schaffensprozess der Künstlerin in den Vordergrund stellen. Wir möchten die Vielschichtigkeit ihres Werks vor Augen führen.Was haben Sie in fünf Jahren Forschungsarbeit Überraschendes zutage gefördert? Ich arbeite schon lange am Werkverzeichnis. Dort gehe ich chronologisch vor, kontextualisiere biografisch, schaue mir die Rückseiten an, um die Werke datieren zu können. Weil ich dabei inzwischen so viele Arbeiten gesehen habe, konnte ich nun andererseits einen Schritt vom Chronologisch-Biographischen zurücktreten, um eben solche Schwerpunkte herauszukristallisieren. Um im Blick auf das Werk eine freiere Herangehensweise zu entwickeln gegenüber all dem, was man schon weiß. Neu in der Ausstellung ist, dass von den ca. 130 Gemälden in der Ausstellung etwa die Hälfte überhaupt noch nie gezeigt worden sind oder zuletzt nur zu Lebzeiten Münters.

Als Titel haben Sie eine Selbstcharakterisierung Münters gewählt: Malen »ohne Umschweife«.
Diese Unmittelbarkeit war vielleicht von Anfang an da, schon beim Fotografieren um 1900. Faszinierend ist, wie schnell Münter ein Motiv visuell erfassen konnte, sie wusste, was sie malen wollte, war nie – wie manch andere – auf der Suche nach einem Motiv. Wenn sie das Motiv, das sie interessiert, dann umsetzt, geht es ihr um die Wiedergabe einer Essenz, eine ausdrucksstarke Vereinfachung »ohne Drum und Dran«, wie sie es nennt.

Um 1908, beim gemeinsamen Malen der Künstlerpaare in Murnau, war ja vielleicht Jawlensky am Weitesten, was solche gesteigerte Vereinfachung anlangt. Wenn die Moderne ein Experimetallabor für neue Bildformulierungen ist, wirkt es bei Münter freilich so, als gäbe es nur geglückte Bilder, keine Wackler in der Entwicklung.
Eine solche visuelle Veranlagung allein reicht nicht aus, um gute Bilder zu malen. Man muss daran arbeiten. Und man folgt Impulsen von außen und reflektiert sie. Gabriele Münter ist viel gereist, hat sich für vieles intensiv interessiert und sie war besonders offen – seien es japanische Holzschnitte, die Moderne in Paris, Jawlensky, die bayerische Hinterglasmalerei, Volkskunst, Kinderzeichnungen. Aber sie haben Recht, es ist erstaunlich. Wenn man immer vom Stilwandel in der Murnauer Zeit spricht, zeigen in der Ausstellung nun die Bilder aus Lana, dass Münter sich schon im Frühjahr 1908 vom Spätimpressionismus löst. Und dann geht es rasch, und wie intensiv!

Münter hat in den 20er Jahren viel ausgestellt, aber war sie auch noch so produktiv?
Als Münter nach dem Krieg, 1920, aus Skandinavien nach Deutschland zurückkehrt, muss sie als alleinstehende Frau und Künstlerin ihr Leben neu aufbauen. Das kostet viel Kraft. Sie lebt in Berlin, München, Murnau, Elmau und Paris, ist wieder viel unterwegs, knüpft Beziehungen an und kümmert sich um Ausstellungsbeteiligungen. Sie malt weniger, bis sie um 1930 in Paris ihre Arbeit wieder intensiviert. In den Zwanzigern entstehen Werke, die in ihrer Nähe zur Neuen Sachlichkeit man nicht unbedingt sogleich mit Münter assoziieren würde. Es gelingt ihr auch hier, wie schon in der skandinavischen Zeit 1915–1920, einen neuen Zugang zu Motiven zu schaffen.

Wer war Johannes Eichner, der zweite Namenspatron der Stiftung?
Eichner war Philosoph und Kunsthistoriker, Journalist und Privatgelehrter. Münter lernte ihn auf einer Silvesterfeier 1927 kennen. Es folgten dreißig Jahre gemeinsamen Lebens bis zu Eichners Tod im Jahr 1958. Er hat sie sehr verehrt – und sehr unterstützt, Ausstellungen organisiert, das Buch »Kandinsky und Gabriele Münter. Von Ursprüngen moderner Kunst« geschrieben. Er hat beim Rahmen geholfen – und war teils sogar in den Schaffensprozess involviert. Ein Beispiel: Eichner hat auch gezeichnet. Von einem Libyenaufenthalt 1939 – Münter ging nicht mit auf die Reise, sondern blieb in Murnau – hat Eichner ein Skizzenbuch mitgebracht, das wir leider nicht kennen. Nach Zeichnungen daraus hat Münter Gemälde gemacht; eines dieser Motive, »In der Wüste«, ist aktuell im Münter-Haus zu sehen.

Wie hat Münter in der Zeit des Nationalsozialismus überlebt?
In den 30er Jahren wurde es finanziell zunehmend schwieriger. 1936 hat sie zwei Werke mit dem Motiv der Baustelle an der Olympiastraße in der Ausstellung »Die Straßen Adolf Hitlers in der Kunst« gezeigt. 1937 hatte sie zum 60. Geburtstag eine Ausstellung in Herford, eine im Münchner Kunstverein und eine in Stuttgart. Sie lebte danach zurückgezogen mit Eichner in Murnau. Ihr letzter öffentlicher Auftritt war 1938 eine kleine Präsentation in der dortigen Buchhandlung Wiegelmann. Sie malte weiterhin Landschaften und Stillleben und hatte auch Porträtaufträge.

Bei der Jahrespressekonferenz haben Sie ein bisher unbekanntes Werk präsentiert, das in rästselhaftem Interieur und Licht vier Frauen beim Zuhören und darüber ethnologische Objekte an der Wand zeigt.
Ein tolles Bild. Aber genau zu dieser Szene haben wir bis jetzt noch nichts herausgefunden. (lacht) Im Audio-Guide-Text ist deshalb ein Aufruf an die Besucher, wenn sie etwas wissen oder zu erkennen glauben – bitte melden! Aber auch bei anderen Gemälden, wo man die Szenerie auf den ersten Blick erkennen kann und denkt, es ist alles klar, gibt es viel zu entdecken. Münter hat auch abstrakt gemalt, sie ist sehr wandelbar in ihrem Schaffen. Und ihre Werke erweisen sich trotz der scheinbaren Einfachheit als durchaus komplex. Es bleibt spannend. ||

GABRIELE MÜNTER – MALEN OHNE
UMSCHWEIFE
Kunstbau| U-Bahnhof Königsplatz, Zwischengeschoss | bis 8. April| Mi–So/Fei 10-18 Uhr | Di 10-20 Uhr
Führungen: 10.15, 12.15, 14.15, 16.15 und (nur Di) 18.15 Uhr | Der Katalog kostet 32 Euro