Der Sound- und Performancekünstler Stefan Winter gestaltet in der Rathausgalerie Kunsthalle ein Projekt für alle Sinne.

»Gedicht einer Zelle«: Stefan Winter bei den
Dreharbeiten| © Winter & Winter

Stefan Winter ist auf der Suche nach dem Gesamtkunstwerk. Das ist er eigentlich schon, seitdem er Mitte der Achtziger das Jazzlabel JMT ins Leben gerufen hatte, um der damals knospenden und bald darauf florierenden New Yorker Loft- und M-Base-Szene möglichst profunde Klangstatements zu entlocken. Klarer wurde das noch ein gutes Jahrzehnt später, als er das Nachfolgeprojekt Winter & Winter startete, wieder eine Plattenfirma, die sich diesmal mehr in Richtung Polystilistik und Gattungsüberschreitung bewegte. Neben Jazz trat Klassik, entweder mit atmosphärischen Aufnahmen in historisch und ästhetisch ungewohnten Umgebungen oder gleich in personam experimentierfreudiger Künstler wie dem Pianisten Uri Caine, der vieles von Bach über Mahler bis Gershwin mit Improvisation und Electronics fusionierte. Winter selbst zog derweil ausführlich um die Welt, ein mobiles Studio im Gepäck, und archivierte Hörfilme aus archaischen, frühzivilisatorischen und urban nostalgischen Environs von Basel bis Buenos Aires. Und er weitete seine eigenen Interessen in Richtung bildende Kunst, Performance, Bild- und Videogestaltung aus.

So kam es auch zu »Gedicht einer Zelle«. Kern der Performance ist eine 138-minütige 3-Kanal-Filminstallation mit rudimentärer Erzählstruktur, die an viele Assoziationsräume andockt. Da gibt es kleine, symbolische Szenen, die unter anderem von der Farbkünstlerin Noriko Kura dargestellt werden, und musikalische Elemente, die auf Kompositionen von Orlando Di Lasso über Gustav Mahler bis Uri Caine aufbauen. Drei Gedichte von Sulamith, Mechthild von Magdeburg und Rabi’a al-Basri bringen erotische und philosophische Semantiken ins Spiel. Geräusche öffnen den Raum ins Intuitive und drei parallel laufende Filmsequenzen auf einer 12 Meter breiten Leinwand sorgen für eine synästhetische Gesamterfahrung. Es ist eine umfassende und aufwendig produzierte Installation, die im November außer montags jeweils um 20 Uhr in der Rathausgalerie Kunsthalle bei freiem Eintritt zu erleben sein wird.

Zu Beginn werden außerdem an den drei Eröffnungsabenden die musikalischen Elemente von »Gedicht einer Zelle« live aufgeführt. Mit dabei sind in wechselnden Konstellationen die Pianisten Uri Caine und Fumio Yasuda, die Sopranistin Fanny Winter, der Cellist Ernst Reijseger, außerdem Vokalsolisten des Kettwicher Bach-Ensembles und Stefan Winter selbst als Soundgestalter. Es ist keine Uraufführung, denn die ersten Vorstellungen dieses in vieler Hinsicht übergreifenden Kunstprojektes fanden im vergangenen Juli in Sansibar und San Sebastian statt. Aber es ist eine Performance, wie man sie auch im kunstverwöhnten München nur selten erlebt. Denn er ist auf der Suche nach dem Gesamtkunstwerk, dem er sich mit jedem Projekt aufs Neue aus unterschiedlichen Richtungen nähert. Mit dem »Gedicht einer Zelle« ist er diesem Ziel – auf die Gefahr einer Überfüllung des Erfahrungsraumes mit Eindrücken hin – wieder ein Stück näher gekommen. ||

STEFAN WINTER: GEDICHT EINER ZELLE
Rathausgalerie Kunsthalle| Marienplatz 8, Innenhof | 9.–25. Nov.| täglich außer Montag, 20 Uhr | Eintritt frei