Buhlebezwe Siwani und Chuma Sopotela aus Kapstadt präsentieren ihre Miniperformance »Those Ghels«. Hansol Yoon setzt sich in expressiven Bildern mit verdrängten Kapiteln des Koreakriegs auseinander.

Die Grauen des Krieges. Copyright: Festival Tokyo

Zwischen Geschäften und Werbeständen haben Buhlebezwe Siwani und Chuma Sopotela im Olympia-Einkaufszentrum eine kleine Bühne eingerichtet. Dort tollen die Garden Gnomes, Bugs Bunny, Popeye und Olivia über Bildschirme, vor denen zwei Mädels in putzigen Strampelanzügen auf einem Gitterwagen lümmeln. Sie kabbeln sich, kichern und lassen ihre Hinterbacken wackeln. Während die Comics von Videos abgelöst werden, auf denen supercoole Kerle und Tussis rappend und tanzend ihre tollen Bodies und Autos zur Schau stellen, schlüpfen die Mädels in knöchelbrecherische High Heels und Korsetts, die ihre Brüste hochpushen. »Fuck that bitch!« bellen sie schließlich in einem Sprechgesang aus »Fuck«, »Shit«, »Ass« und »Hole« ins Mikro. Das Duo aus Kapstadt führt beißend ironisch die mediale Sozialisation von Frauen und die Imitation von normierten Geschlechterbildern in einer sexistischen Rap- und Popkultur vor. Allein die Zielgruppen, an die sich die Irritationsmomente in »Those Ghels« richten, finden sich kaum im Spielart-Publikum. So schaute man der Miniperformance, die keine weiterreichende Reflexionsebene anbietet, voyeuristisch amüsiert und reichlich distanziert zu.

Kollektive Amnesie in Südkorea

In scharfem Kontrast dazu stand das zweistündige Stationendrama im Kellergewölbe des Einstein »Step Memories – The Return of the Oppressed«. Darin rührt Hansol Yoon an ein lange in seiner Heimat tabuisiertes Thema: die Kriegsverbrechen der Südkoreaner.

Beharrlich wurden die Massenhinrichtungen von Zivilisten, die man für Kommunisten und Kollaborateure hielt, totgeschwiegen. Ebenso wie die Gräueltaten mörderischer Jugendbanden, die eine blutige Spirale der Rache auslösten. Von einer »kollektiven Amnesie« spricht der Soziologe Kim Dong-choon, die »alternative Erzählungen des Koreakriegs, die im Widerspruch zur offiziellen Deutung stehen«, nicht zuließ.

In einer Collage aus Szenen und Texten umkreist Hansol Yoon die Traumatisierungen und die Last verleugneter Schuld in Südkorea. Zunächst aber hören wir vor einer Abbildung von Franz von Stucks »Salome« einen Monolog über die Tochter des Herodias und die Frage, wer die Verantwortung trägt für die Enthauptung des Johannes. An diesen schließt sich ein Exkurs an über die Geschichte der Einsteinstraße 42, das Schicksal der jüdischen Brauereifamilie Schülein und die Wandlungen Haidhausens seit der Nachkriegsära, der eine thematische Brücke für die Münchner Zuschauer schlagen soll, ehe wir uns dem eigentlichen Sujet von »Step-Memories« zuwenden.

Barfuß, mit schleppenden Schritten wandern Männer und Frauen wie betäubt umher, Verkörperungen der Karawane des Elends, die einst durch Korea zog. Auf Monitoren werden nackte, mit ihren eigenen Kleidern gefesselte Menschen hingerichtet und in einem Erdloch begraben. Eine Gruppe formiert sich zu einem Kreis und beginnt sich in einer Art russischem Roulette wechselseitig zu erschießen, wobei alle ihre Unschuld beteuern, erklären, nur Befehlsempfänger zu sein. In der stärksten Szene des Abends kehren die Toten zurück, entsteigen als finstere Gespenster Holzkisten und torkeln auf die Lebenden zu, die sie voller Entsetzen von sich fortstoßen. Immer wieder konfrontiert uns Yoon mit Bildern von beklemmender Intensität und expressiver Wucht. Um diese herum wirkt die Inszenierung allerdings passagenweise zerdehnt und unnötig überfrachtet. Eingewoben in die Fülle an Spielszenen sind Textblöcke über die posttraumatische Belastungsstörung, die Entstehung von Erinnerungen durch synaptische Verbindungen im Gehirn, die Ausblendungen der Geschichtsschreibung und die Vergänglichkeit des Menschen. Irgendwann fühlt man sich ein wenig erschlagen. Vielleicht liegt das aber auch daran, dass zwischenzeitlich nur mehr Übersetzungsfetzen über die Leinwand flimmern und man keineswegs sicher ist, ob das, was man sich gerade zusammenreimt, wirklich das erfasst, was auf der Bühne geschieht. Solch frustrierende Momente erlebt man als nur mangelhaft gebildeter Europäer beim diesjährigen Spielart-Festival regelmäßig. Manchen davon hätten einem die Veranstalter mit etwas Nachhilfe vorab, etwa durch kluge Einführungen oder Programmhefte, ersparen können.

Nächste Vorstellungen:
Those Ghels | 10. November | 17 Uhr | Olympia-Einkaufszentrum UG (Eintritt frei)
Step Memories – The Return of the Oppressed | 8., 9. November | 20 Uhr| 10. November| 18 Uhr | Einstein Kultur