»Tsohle – a revolting Mass« zeigt wunderbar pralles Musiktheater aus verwirrend vielfältigen Quellen, während man bei »Think Much. Cry Much.« auf Kommando winkt und klatscht.

Einfach nur Musik – mit allem was man braucht. | © Africa Center

Musik. Einfach nur Musik. Und alles ist in ihr enthalten: das Pathos und die Wut, der Widerspruchsgeist und der Stolz, die Kraft und die Lebensfreude in erster Linie der vier Menschen, die in »Tsohle – a Revolting Mass« auf der Bühne stehen. Und da alle vier aus Südafrika stammen, schwingt auch die Geschichte von Gewalt, Unterdrückung und Emanzipation mit, die nicht nur dort immer weitergeht. Auch wer nicht einen Bruchteil des von Neo Muyanga neu arrangierten und miteinander verschnittenen musikalischen Materials zuordnen kann, wird von seiner Wucht und gebrochenen Schönheit eingenommen.

Jazzige Rhythmen hört man heraus, Madrigalchöre und traditionelle Trost-, Protest- und Initiationsgesänge; es gibt Geräuschmalerei, Schnalzen, Klatschen, die fremdartigen Laute schlichter einsaitiger Instrumente, die die Heilertochter und Komponistin Lungiswa Plaatjies zupft und schlägt, die begnadeten Opernstimmen von Phandulwazi Maseti (Tenor) und Theo Magongoma (Bass), dazu Muyanga selbst als so charismatischen wie versierten Vorsänger am Flügel. Und als wäre all das nicht komplex genug, verzichtet der in Soweto geborene Komponist und Aktivist auch noch weitgehend auf die Übersetzung der Songtexte. So ist man mit dem Widerspruch alleine, nichts zu verstehen und dennoch die (musikalische) Vielfalt zu genießen, die auf gesellschaftliche Widersprüche hinweisen mag oder auf die Kompliziertheit der heutigen Welt. Und dass hier vier Menschen ohne große performative Schnörkel einfach tun, was sie können.

Einen ganz anderen Weg geht die in Berlin lebende libanesische Performancekünstlerin Rima Najdi in »Think Much. Cry Much.«. Hier hat sich das kreative Team auf die Hintergrundarbeit gestürzt und ist bei Recherchen an den EU-Außengrenzen viel rumgekommen. Für die Action sind dagegen die ungelernten Besucher verantwortlich. Im Starnberger Flügel des Münchner Hauptbahnhofes hören sie via Kopfhörer Geschichten von Flüchtlingselend und -selbstmorden, Interviews mit Grenzschutzbeamten oder mit der Syrerin Yusra Mardini, die erst übers Meer und dann bei Olympia schwamm. Vor allem aber sollen sie auf diverse auf dem Boden markierte Linien treten, beim Rückwärtstanzen die Zähne mit der Zunge zählen, imaginäre Hundekacke aufheben (Als Nicht-Immigrant kenne man ja die Regeln) – und immer wieder winken, klatschen und anderen die Hände schütteln. Wer wie die Autorin eine angeborene Aversion gegen Kommandos – auch freundlichen – hat, ist da schnell draußen. Dem Gros des Premierenpublikums aber schien es Spaß gemacht zu haben, in einer Weise Migrationsbewegungen nachzuspüren, die von außen wie Selbstfindungsgymnastik aussieht; mit ausgiebiger Handinnenflächenbeschau und entschlossen gezückter »Waffe«, wenn es gilt, »illegal asses to fucking airports« zu geleiten. Betroffenheitstheater einmal anders. Bei all dem herrscht ein irritierend weichgespülter Wohlfühlmodus – oder wird er (mit passenden Fahrstuhlmusikeinlagen) gerade verspottet? Das reale Leid an den Grenzen jedenfalls rückt dabei immer weiter weg.

Nächste Spieltermine:
Rima Najdi: Think Much. Cry Much. | 8. bis 10. November | jeweils 18 Uhr 30 | 11. November | 16 Uhr | Münchner Hauptbahnhof (Eintritt frei | Anmeldung unter think.much@spielmotor.de erforderlich)