Mamela Nyamza choreografiert mit »De-Apart-Hate« einen Bilderreigen, der die Probleme Südafrikas thematisiert und an der Rolle der Kirche kein gutes Haar lässt.

Kampf mit der Balance. Copyright: Suzy Bernstein

Zu Beginn von Mamela Nyamzas Tanzperformance »De-Apart-Hate« kann man Angst bekommen. Zumindest wenn man niemals Teil einer Erweckungsbewegung sein wollte. Nyamza und ihre Kollegen Aphiwe Livi und Zikhona Jacobs tänzeln durch die Stuhlreihen in der Muffathalle, schütteln den Zuschauern die Hand und fordern sie auf aufzustehen und mitzuklatschen. Chorgesang mit Trillerpfeife und zwei Röhren als Percussion schallt durch den Raum, und man kommt sich vor, als würde man einem Gottesdienst beiwohnen. Nyamza und Livi tanzen im Sonntagsstaat mit locker schlenkernden Gelenken erst einmal eine Viertelstunde lang einen munteren Sonntagsspaziergang auf das Zentrum ihrer Performance zu. Eine regenbogenbunte Holzbank an der Seite.

Auf der es sich allerdings schlecht sitzen lässt. Sie schwankt, wippt und wackelt. Auf ihr das Gleichgewicht zu halten, ist schier unmöglich. Also sitzen sie eine ganze Weile nahezu unbeweglich da, bemüht, den fragilen Status quo zu bewahren. Um plötzlich wie von der Tarantel gestochen aufzuspringen und die Plätze zu tauschen, wobei sie sich um sich selbst und aneinander vorbei drehen, Livi außen, Nyamza innen. Diese Drehbewegung zieht sich wie ein roter Faden durch die Performance, taucht in verschiedenen Ausprägungen immer wieder auf. Auf der Bank wechseln sich energetisch schnelle Passagen, die die Bank zum Wackeln bringen und das mühsam gehaltene Gleichgewicht zerstören, mit scheinbar harmonischen ab. Doch auch dann versucht immer einer die Oberhoheit über das Gleichgewicht zu erlangen. Die wacklige Regenbogenbank ist als Metapher für die Regenbogennation Südafrika, in der es an allen Ecken und Enden knirscht, gut gewählt. Von ihrem Ziel der Gleichberechtigung aller Bevölkerungsgruppen und deren Versöhnung ist das Land 23 Jahre nach den ersten freien Wahlen immer noch weit entfernt.

Die Bank fungiert aber auch als Kirchenbank, in der Nyamza und Livi in einer immer rasanteren Choreografie religiöse Riten vollziehen, sich bekreuzigen, die Hände falten, knien. Dazu kommen die Nummern von Bibelversen, strukturiert von Amen und Hallelujas, die eine restriktive Kirche zitieren, die Rassismus und Sklaverei zementierte und deren Konventionen vor allem arme Menschen folgen. Und die in Leviticus 18, 22 Homosexualität geißelt. Die Regenbogenfarben verweisen aber auch auf sexuelle Selbstbestimmung in einer freien Gesellschaft. In die Form eines Gottesdienstes eingebunden – die Gemeinde wird auch zum Mitsingen aufgefordert – kritisiert Nyamza in durchaus als blasphemisch interpretierbaren Bildern gesellschaftliche und politische Zustände in ihrer Heimat. Die Bank wird zum Sarg, die Probleme Südafrikas beschwört Livi im Predigerduktus, während er auf Nyamzas Rücken steht. Eine Performance mit starken Bildern, die zum Ende hin allerdings ein wenig redundant werden. Da ist die Botschaft schon angekommen.

Nächste Vorstellung:
De-Apart-Hate | 4. November | 21 Uhr | Muffathalle