Jaamil Olawale Kosoko erforscht auf dem Spielart Festival kulturelle Ängste vor schwarzen Männern

Copyright: Dajana Lothert

Die Geschichte vom Weihnachtsmann lässt nicht alle Herzen in gleicher Weise höher schlagen. Für den in Detroit geborenen Jaamil Olawale Kosoko war als Kind die Verheißung seiner Mutter, wenn er brav wäre, käme ein dicker weißer Mann mit Geschenken durch den Schornstein, zumindest zweischneidig, ebenso wie die Erzählung vom weißen Mann am Kreuz, der Erlösung verspricht, während man von den Schwarzen verlangte, hart zu arbeiten, »um in einer Welt zu sein, die uns sagt, wir sollten eigentlich nicht da sein«. Heute spricht Kosoko von diesen Erinnerungen mit einem leisen Kichern und zündet dazu ein Räucherstäbchen an »to make a nice situation«. Dabei ist die Situation heute wie damals alles andere als nett. In seiner 2016 in New York produzierten Produktion » #negrophobia« zeigt der nigerianisch-amerikanische Poet und Performer als nachdenklicher Zeremonienmeister, wie sich die sprichwörtliche ‚Angst vorm schwarzen Mann‘ von der anderen Seite aus anfühlt. Noch immer fordert rassistische Gewalt auf US-amerikanischen Straßen jedes Jahr Hunderte von schwarzen Toten, darunter 2015 Kosokos gerade mal 22 Jahre alter Bruder, dessen blaue, mit einer Kette an einen Basketball gefesselten Turnschuhe er gegen Ende des Abends noch einmal anzieht.

Ein weißes Kreuz auf schwarzem Grund ist der Laufsteg, der den Raum des Schweren Reiter durchzieht, das Publikum sitzt auf allen Seiten nah am Geschehen, das mal physisch-tänzerisch, mal erzählerisch-diskursiv um den Mythos und die zumeist prekäre Realität schwarzer Männer in der US-amerikanischen Öffentlichkeit kreist. Der erste fulminante Auftritt gehört dabei der Transgender-Dragqueen IMMA, deren charismatisch zur Schau gestellter athletischer Körper sich von jeder eindeutigen Geschlechterzuordnung befreit zu haben scheint. Kosoko selbst tritt in einem Kampfanzug aus nietenbewehrten goldenen Leggins auf und zieht sich zwischendurch auf eine Art Thron zurück, auf dem er eine Ponymaske anprobiert und Gedichte zum Gedenken an die toten Brüder vorträgt, Verse der Ernüchterung und des Schmerzes über eine nicht enden wollende Geschichte von Diskriminierung und Gewalt, die sich in Videos brutaler Prügelszenen Weiß gegen Schwarz wiederspiegelt.

Wie einen Gegenzauber gegen das eingespielte höhnische Gelächter breitet Kosoko später die Bücher seiner intellektuellen Sozialisation aus der afroamerikanischen Kulturwissenschaft, Black-Feminist- und Gender-Forschung, darunter Judith Butler, Patricia Hill Collins oder Saidya Hartman, auf dem Bühnenboden aus und lässt eine Zuschauerin James Baldwins Essay »On Being ‚White’ … and other Lies« aus dem Jahr 1984 vortragen, der Weiß- und Schwarzsein als per se gewaltsame, sich wechselseitig bedingende gesellschaftliche Konstrukte analysiert. Dazwischen beschwört Kosoko als Performer auch immer wieder drastische Klischees schwarzer Physis, reckt seinen Hintern mit einer Black-Panther-Unterhose, trägt einen weißen Gangsta-Overall mit der Aufschrift »stay black and die« und verschwindet zuletzt zum suggestiven Elektrosound von Jeremy Touissant-Babtiste in einer schamanisch anmutenden Verkleidung. So werden pauschalisierende Fremd- und Selbstzuschreibungen bis zuletzt nicht wirklich durchbrochen, findet » #negrophobia« selbst noch kein alternatives Narrativ zu den Stereotypen von Dämonisierung und Anklage. »They labeled us and we believed them« steht auf einem Zettel, den Kosoko gegen Ende durch die Reihen gehen lässt. Traurigerweise scheint es, als gelte das noch immer.

Nächste Vorstellung:
2. November, 19 Uhr, Schwere Reiter