Mallika Taneja und Shubham beweisen in »Sorry for the interruption« Ausdauer.

Kein Platz für Müdigkeit. Copyright: Christian Altorfer

Sie laufen. Während das Publikum reinkommt, Platz nimmt, es dunkel wird. Sie laufen. Auf der Stelle. Gleichmäßig schnaufend. Sie laufen. Ihre T-Shirts im Mund, was ihnen einen Gesichtsausdruck verleiht, als ob sie breit grinsen würden. Sie laufen. Die indische Schauspielerin Mallika Taneja und ihr Schauspielerkollege Shubham. Sie laufen schon geraume Zeit, da läuft Shubham mal rückwärts und wieder nach vorne. Beide wenden sich nach links. Es sieht so aus, als ob sie uns gleich zuwinken würden. Sie laufen, brechen die Gleichförmigkeit dieses Laufens und Schnaufens anfangs sachte, dann immer mehr auf, wechseln immer mal die Richtung, das Gesicht meist dem Publikum zugewandt. Schließlich blicken sie sich an und aus ihren von den T-Shirts behinderten Mündern quillt leises Gemurmel.

Sie laufen weiter. Manchmal wirkt es so, als ob sie sich zufällig begegnen würden. Sie laufen. Mit immer mehr Variationen. Vorwärts, rückwärts, seitwärts. Shubham spurtet mit großen Schritten diagonal über die Bühne. Taneja schlenkert lose mit den Armen. Aus Shubhams Schritten werden beinahe schon übermütige Bocksprünge. Zum Tinnitusquietschen, das durchs HochX pfeift, kommen Stimmfetzen aus ihren Mündern, die klingen wie: Kannst Du noch? – Hmh.

Eine halbe Stunde ist vergangen. Sie laufen. Jetzt zu sphärenhafter Musik. Shubham läuft ein paar schnelle Kreise und hüpft auf einem Bein, dann – lange erwartet und doch abrupt – bleiben sie stehen. Schnaufen, stemmen die Arme in die Seiten, lassen den Oberkörper nach unten hängen. Aus Tanejas Mund kommen Worte, repetitiv wie das Laufen vorher. Erst noch vom Schnaufen übertönt, immer deutlicher: I’m so tired – I can’t – it hurts. Shubham wiederholt sie, leiser, wie ein Echo.

In ihrem hochgelobten Solo »Be careful« entlarvte die indische Schauspielerin Mallika Taneja die Absurdität der Ratschläge an indische Frauen, wie sie sich vor Vergewaltigung schützen könnten, indem sie sich zu einem grotesken Kleiderball verhüllte. Mit »Sorry for the interruption« möchte sie unangenehme Konversationen und vergessene Geschichten ins Bewusstsein des Publikums bringen. Die Energie, die der ausdauernde Körper ausstrahlt, schafft eine Verbindung zu anderen Menschen, meint Taneja. Das Repetitive des Laufens wirkt erst einmal beinahe meditativ, vermittelt aber auch: Wir treten auf der Stelle, wir kommen nicht weiter. Aber wir strengen uns an. Abstrahiert gedacht: die Gesellschaft kommt nicht voran. Das wäre eine durchaus aktuelle Aussage über den Zustand der Welt. Und eine Aufforderung. Sich weiter anzustrengen. Vielleicht lohnt es sich doch. Dazu würden dann auch die Kampf- und Siegerposen ganz am Ende der Performance passen.

Nächste Vorstellung:
Sorry for the interruption | 2. November | 21 Uhr | HochX