Der Südafrikaner Boyzie Cekwana lässt alle Hoffnung fahren und Nora Chipaumire aus Simbabwe lässt ihr Anliegen in Krawall untergehen.

Ob sein Tanz uns unterhält? Copyright: Lungile_Cekwana

Eigentlich machen beide politisches Theater. Boyzie Cekwana beschäftigt sich in »The Last King of Kakfontein« mit dem Verfall von Demokratie durch legal gewählte Staatsoberhäupter. Nora Chipaumire in ihrem ultimativem Manifest »portrait of myself as my father« damit, wie der (post-)koloniale Blick und seine Stereotypen strukturelle Macht auf Afrikaner ausüben, letztlich den schwarzen Mann prägen.

Geschichtenerzähler
Cekwana lässt es im Carl-Orff-Saal gemütlich angehen. Er kommt in seinem Königsoutfit, so einer Art Windelhose zu Umhang und Faschingskrone, auf die Bühne, mitsamt E-Gitarre und spielt immer wieder ein paar Töne, während er über Gerüchte spricht, Andeutungen, Schatten, die ihn –»The Last King of Kakfontein« – und uns umwabern. Gerüchte sind gern die Väter von irgendwas, erklärt er, besonders von Nationen.

Sein Song wird uns langweilen, sein Gedicht werden wir nicht verstehen, führt er aus, also wird er uns einen Tanz vorführen, der uns vielleicht unterhält. Dann verschwindet Cekwana erst mal und lässt uns Zeit für andere Dinge, während er sich umzieht. Im Tarnoutfit kommt er zurück, wärmt sich mit Seilspringen auf und lässt die Reifen über die Bühne rollen, die dort auf ihn warteten. Dabei erzählt er Geschichten über Johannesburg, die Goldstadt, die grüne Stadt, die Gewitterstadt, und wie sie als Kinder im Township Soweto mit Autoreifen spielten. Mit ihren Händen ließen sie die Reifen laufen, ihre Kinderkörper quetschten sie hinein und ließen sich den Berg runterrollen, die Mädchen nicht, die waren zu schlau dafür.

Cekwana lässt seine Hände flattern und die Reifen tanzen und schlägt einen Bogen zur blutigen Geschichte der Kautschuksklaven und von da zu gegenwärtigen Machthabern. Jakob Zumas irres Lachen unterbricht in einer Soundcollage das idiotische Gefasel von Donald Trump. Da sind wir wieder bei den Gerüchten, die heute alternative Fakten heißen und Präsidenten machen können. Zuma und Trump beschwören eine Größe herauf, auf die sie weder Recht noch Anspruch haben, meint Cekwana, während er Figuren aus Zeitungen auf der Bühne verteilt und sich am Boden wieder in seinen Königsmantel reinfriemelt. Wenn die Leinwand im Hintergrund nicht die Bühne von oben zeigt, dann die Schatten von überdimensionalen Händen und Mäulern, die ständig etwas zu greifen und zu schnappen scheinen.

Cekwanas Performance reißt mit einer gewissen Unaufgeregtheit und auch nicht ohne Sinn für Humor aktuelle Themen an. Ihr wohnt auch eine gewisse Geschichtenerzähltradition inne. Doch schließlich versandet sie in einem Abgesang auf die Hoffnung, der möglicherweise das Gedicht ist, das wir nicht verstehen.

Krachattacke
Von Unaufgeregtheit kann bei Nora Chipaumire keine Rede sein. Sie packt ihre Performance »portrait of myself as my father« in einen Boxring, erst mal keine schlechte Idee, um sich damit auseinanderzusetzen, was der weiße Blick auf den schwarzen Mann mit ihm gemacht hat. In welche Ecke der schwarze Körper seit Hunderten von Jahren gesteckt wird. Gern hätten wir die fünf Schritte erfahren, des braucht, ein schwarzer afrikanischer Mann zu werden. Doch Chipaumire begräbt alles unter einem infernalischen Krawall, der einen nur Wort- und Satzfetzen verstehen lässt und streckenweise körperlich schmerzt. So bekommt man nur in den leiseren Passagen etwas mit, wenn man sich denn traut, die Ohrenstöpsel rauszunehmen. Dazu gehört, wie Chipaumires Vater, Jahrgang 1938, im Laufe seines Lebens in Simbabwe immer mehr Rechte genommen wurden, sodass er 1980 in Afrika weniger Zukunft hatte als 1900, nämlich gar keine. Dass seine Tochter das wahnsinnig wütend macht, kann man verstehen, dass sie ihre Wut mitteilen will auch. Aber dann muss sie dem Publikum die Chance geben, mitzubekommen, was sie ihm mitteilen will, und es nicht unter einem Krachinferno aus Gewummer, Musik und Geschrei begraben. Möglicherweise verstehen US-Amerikaner und Afrikaner die optische Zeichenhaftigkeit, die Chipaumire und die Tänzer Shamar Watt und Pape Ibrahima Ndiaye aka Kaolack mit einiger Aggressivität, Hüpfen, Stampen und wildem Rennen entfalten. Vielleicht fehlt uns Europäern die Sozialisation dafür. So bleibt der wichtigste Satz des anstrengenden Abends: »That’s Europe, theyt don’t know what to do.«

Nächste Spieltermine:
The Last King of Kakfontein | 31. Oktober | 17 Uhr | Gasteig: Carl-Orff-Saal
portrait of myself as my father | 31. Oktober | 21 Uhr | Muffathalle