In ihrem neuen Roman »Das Ministerium des äußersten Glücks« schildert Arundhati Roy Menschen am Rande der indischen Gesellschaft, die auf der Suche nach Liebe sind. Zwanzig Jahre mussten ihre Leser nach »Der Gott der kleinen Dinge« auf dieses Buch warten.

Arundhati Roy © Chiara Goia

Frau Roy, wie sind die Reaktionen auf Ihren neuen Roman in Indien?
Die Verkaufszahlen sind hoch, die Kritiken unterschiedlich, aber ich habe noch keine Lesungen in Indien gemacht, weil ich erst eine Weile abwarten wollte. Wir haben momentan schwierige Zeiten. Als ich meinen letzten Essayband vorstellte, haben Schlägertrupps die Bühne verwüstet. Ich möchte nicht, dass die ersten Nachrichten über meinen neuen Roman mit diesen Schlägern zu tun haben. Inzwischen gibt es aber schon die ersten Raubkopien (lacht). In Indien werden alle erfolgreichen Bücher als Raubkopien gehandelt.

Momentan spitzt sich das politische Klima in Indien zu. Anfang September wurde in Bangalore eine regierungskritische Journalistin und Freundin von Ihnen ermordet. Was bedeutet dieses Verbrechen für Indien?
Es bedeutet auf jeden Fall eine neue Dimension, denn zum ersten Mal wurde in dieser Weise eine Frau aus nächster Nähe erschossen, einmal vom Mord an Indira Gandhi abgesehen. Der Raum für öffentliche Debatten ist in letzter Zeit rapide geschrumpft, aber es gibt auch zunehmend Proteste gegen Einschüchterung. Der Mord ist ein Wendepunkt, aber wir wissen noch nicht, was jetzt kommt. Mich beunruhigt, dass die Regierung angesichts ihres Versagens an allen Fronten gezielt den Hass anstachelt und zum Mord an Muslimen aufruft. Es ist eine extrem unsichere Situation.

Welche Erklärung sehen Sie für diesen extremen Hindu-Nationalismus?
Die Bharatiya-Janata-Partei verfolgt schon lange eine Politik der Ausgrenzung vor allem gegenüber Muslimen. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 hat die Partei die internationale Lage genutzt, um ihre Vorstellungen vo ranzubringen. Hindu-Nationalismus und die Privatisierung der Wirtschaft gehen dabei Hand in Hand. Die neue Mittelklasse in Indien ist sehr nationalistisch eingestellt, aber jetzt sinken die Wachstumsraten, es gibt mehr Arbeitslose und viel Frustration. Diese Wut wird gezielt gegen Muslime gelenkt, aber ich glaube nicht, dass das allzu lange funktioniert.

Sie schildern in Ihrem neuen Roman die geradezu obszöne Kluft zwischen Arm und Reich in Indien. Das ist weltweit ein Problem, aber debattiert wird meist über Identität und nicht über soziale Gerechtigkeit. Woran liegt das?
Die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich schafft erst den Rückzug in die eigene Identität, in Indien, aber auch weltweit. Wenn es einen Konflikt zwischen zwei Kasten gibt, dann liegt die Ursache für den Streit vielleicht darin, dass der Zugang zu Ressourcen wie Land oder Wasser schwieriger geworden ist. Wie meldet man seine Ansprüche am besten an? Indem man der eigenen Gruppe ein vorrangiges Recht zuschreibt. Wir haben in Europa vor dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg gesehen, was passiert, wenn man sich in einen starken Nationalismus zurückzieht. Das Phänomen ist also nicht neu, aber es stellt ein sehr ernstes Problem dar. Diese Art der Argumentation hat überall ihr ganz eigenes Gesicht.

Gibt es denn in Indien eine Vision für eine andere Politik?
Es gibt solche Visionen, aber niemand hört auf sie. Das sind keine großen Utopien, es geht mehr darum, dass es bei jeder einzelnen Entscheidung eine andere Möglichkeit gibt. Statt eines Riesendamms kann man einen kleinen Staudamm bauen. Es ist keine dritte Ideologie jenseits von Kapitalismus und Kommunismus. Man muss einfach damit anfangen, Dinge zu überdenken, wenn man sieht, welche Folgen sie haben.Besonders nach allem, was wir über den Klimawandel wissen.

Sie sind ja auch als politische Aktivistin sehr engagiert …
Ich mag das Wort »Aktivistin« nicht so gerne. Ich weiß nicht, woher es kommt, aber früher waren Schriftsteller, die sich politisch eingemischt haben, einfach nur Dichter. Für mich ist diese Aufteilung in Schriftstellerin und Aktivistin nur ein Versuch, das Schreiben selbst als weniger bedeutend darzustellen. Manchmal schreibe ich Literatur, manchmal einen Sachtext, aber es ist immer das Schreiben selbst, das zählt. Ich leite ja keine politische Bewegung.

Woher kommt Ihr beeindruckendes Engagement?
Der »Gott der kleinen Dinge« ist ein sehr politisches Buch. Ich stand jahrelang in Kerala vor Gericht, weil ich mit meiner Kritik am Kastensystem angeblich die »öffentliche Moral« gefährdet habe. Anders als die meisten Inder gehöre ich nicht zu einer bestimmten Kaste, weil meine Mutter als Christin einen Hindu geheiratet hat und später geschieden wurde. Man kann immer von innen oder von außen auf Dinge schauen. Für mich ist diese Hierarchie der Kasten das Schlimmste in Indien. Wir sind eine Gesellschaft, die die Ungerechtigkeit institutionalisiert hat, sie fast schon als ein Element des Hinduismus heiligspricht. Für mich ist es verabscheuungswürdig, Menschen so einzuteilen.

Haben Sie durch Ihre Herkunft einen anderen Blick auf die Dinge?
Ich denke schon, aber es kommt noch etwas anderes dazu. Nachdem ich für meinen ersten Roman im Jahr 1997 den Booker Prize bekommen hatte, war ich weltweit auf allen MagazinTitelseiten abgebildet. Bald danach ist die rechtsgerichtete Bharatiya-Janata-Partei an die Macht gekommen, und ich wurde als das Gesicht der neuen Supermacht Indien vermarktet. Aber das bin ich nicht! Es war sehr unangenehm für mich, weltweit als Vertreterin eines Landes gefeiert zu werden, in dem derart große Ungerechtigkeit
herrscht: Viele Menschen können noch nicht einmal lesen und schreiben oder haben nicht genug zu essen. Ich wollte zu genau diesen Menschen gehen, über sie schreiben und mit ihnen solidarisch sein. Ich konnte einfach nicht mit dieser glitzernden literarischen Karriere weitermachen. Das hat viele Menschen in Indien verärgert. Aber es gibt auch viel Zuneigung, wenn ich genau jene Orte besuche, an die sonst niemand geht.

Sie sind momentan auf Lesereise in Europa. Wie wird es sein, wenn Sie nach Indien zurückkehren?
In Indien muss man immer etwas vorsichtig sein und die Situation genau einschätzen. Vor allem die Fernsehsender verbreiten gefährliche Hetze. Ich habe keine Angst, aber ich will auch nicht zur Märtyrerin werden. Trotzdem möchte ich zurückgehen, denn jetzt ist die Zeit, um unsere Stimme zu erheben. ||

ARUNDHATI ROY: DAS MINISTERIUM DES ÄUSSERSTEN GLÜCKS
Aus dem Englischen von Anette Grube
S. Fischer, 2017 | 560 Seiten | 24 Euro