Mark Teh setzt sich in seiner sehenswerten Performance »Version 2020 – The Complete Futures of Malaysia Chapter 3« mit Gegenwart und Zukunft Malaysias auseinander.

Da feiern sie noch »Version 2020« (v.l. Faiq Syazwan Kuhiri, Lee Ren Xin, Imri Nasution, Roger Liew) | © Franz Kimmel

Als sie Kinder waren, verordnete 1991 der Premierminister Mahathir bin Mohamad »Wawasan 2020« und schwor die Jugend auf eine strahlende Zukunft ein, schließlich hatten sie – wozu auch immer – die längste Fahnenstange der Welt und das größte Einkaufszentrum und waren auf dem Weg zu immer neuen Rekorden. Kinder malten 100.000-fach eine schimmernde Stadt von unbeschränkter Größe. Bunte Zeugnisse kindlicher Zukunftsvorstellungen mit fliegenden Autos, Wolkenkratzern, Rakete und Riesenrad im Hintergrund. Diese Vision bestimmte ihr Leben. Imri Nasution war schon 13 Jahre alt und unter den Schülern, die bei der Verkündung des Plans die Fahne Malaysias und das Logo von Wawasan 2020 darstellten.

Die Zukunft, für die Imri Pompons schwang und sich zur Landesflagge formierte, sie wurde 2016 einfach abgeschafft und durch eine schwammige Vision 2050 ersetzt. Eine Generation wurde um ihre Zukunft, die inzwischen die Gegenwart ist, betrogen. Malaysia hat keinen Fünfjahresplan, es ist eher ein 30-Jahre-Plan, der getreu der Losung der Machthaber »Damals – jetzt – für alle Zeit« vor allem den Status quo zementiert. Damit wollen Mark Teh, die Performer Faiq Syazwan Kuhiri, Roger Liew, Imri Nasution und Lee Ren Xin sich nicht zufriedengeben, und Fahmi Reza, der politische Aktivist und Che-Guevara-Lookalike im Hintergrund schon gar nicht. Vor einer Stadtmodelllandschaft aus Müll, der sich auch vortrefflich als Stuart-Halskrause, Bierdosenkrone, Hut oder Plastikrüstung eignet, beleuchten die Performer die jüngste Geschichte Malaysias, den Rassismus im Land, der islamische Malaien bevorzugt und Minderheiten ausgrenzt, die Sehnsucht vieler Malaien nach den USA, dem Land der Freiheit.

Schon für Faiqs Mutter war es das gelobte Land, also lebte Faiq im Alter von zwei bis sechs dort. Dann mussten sie zurück. Die Mutter träumte jahrzehntelang von einer Rückkehr, die sie erst mit 61 Jahren verwirklichen konnte. Fahmi erhielt 1995 ein Stipendium für ein Ingenieursstudium in den USA – eine rosige Zukunft erwartete ihn – die wollte er aber nicht. Er kehrte als Sänger einer Punkband zurück und ist heute politischer Aktivist. In die Arme des Punk hatte ihn ausgerechnet Premier Mahathir getrieben, der 1992 in der Zeitung eine Kampagne gegen Punk anzettelte. Doch die USA sind für viele nicht mehr das Land der Freiheit. Roger Liew verließ Los Angeles und die USA am Tag vor Trumps Amtseinführung. Ging aus der Stadt der Engel in die Stadt des Schlamms, Kuala Lumpur.

Auf dem dortigen Platz der Unabhängigkeit ist praktisch alles verboten, die Performer tragen eine ellenlange Liste teils absurder Vorschriften vor. Nur der Staat darf dort aufmarschieren. Doch immer wieder gibt es Demonstrationen oder auch subversive Aktionen wie eine Zeltstadt, die täglich von der Polizei zerstört und von den Aktivisten wiedererrichtet wird. »Tomorrow belongs to us« schreibt Fahmi trotzig auf ein Foto des deswegen von der Verwaltung verbarrikadierten Platzes.

Mark Teh setzt die vertrauten Mittel des dokumentarischen Theaters ein. Es werden also Fotos, Bilder, Zeitungsausschnitte, Ausweise oder Plattencover auf die rückwärtige Leinwand geworfen. Teh versinnlicht das Dokumentarische aber auf unterhaltsame Weise, indem er die Performer gleichzeitig in eine Choreografie einbindet. Aus der Gruppe, die wie ein Cluster in sich kreist, lösen sich immer wieder neue Bewegungsstrukturen heraus. Aus kindlich unordentlichem Gehüpfe wird eine rhythmisch geordnete Formation. Sie umkreisen sich wie Planeten, um dann zu einem Punksong in wildes Gepoge zu explodieren. Lee Ren Xin robbt auf dem Boden, die Extremitäten seltsam in die Luft verrenkt durch den Müll, schiebt ihn beiseite, bahnt sich neue Wege. Die Performer rollen den Boden buchstäblich auf, graben sich unter die grünen Planen, schlingen sie wie Schlafsäcke um sich, fügen sie zu Häufchen zusammen, rollen im grünlich leuchtenden Zelt durch den Raum. Schließlich beschwören sie im nur von ein paar Stablichtern erleuchteten Raum ihre Vision einer Stadt ohne Polizei und daher ohne Verbrechen, ohne Regierung, ohne Nation, aber berühmt genug, um in Hollywoodfilmen zerstört zu werden. Nicht ohne einen Beiklang von Dystopie, für eine gänzlich utopische Vision sind sie wohl zu realistisch.

Nächste Spieltermine:
Version 2020 – The Complete Futures of Malaysia Chapter 3 | 29., 31. Oktober | 19 Uhr | 30. Oktober | 17.30 Uhr | Gasteig: Black Box