Gaël Faye begann seine berufliche Karriere als Investmentbanker und mutierte zum Rapper und Liedtexter. In seinem beeindruckenden Debütroman verarbeitet er seine Kindheit in Burundi.

Gaël Faye, in Burundi geboren, hat der Bürgerkrieg aus seinem Land und seiner Kindheit vertrieben, als er dreizehn war. Er floh nach Frankreich, in das Herkunftsland seines Vaters. Die ersten freien Wahlen in Burundi im Juni 1993 hatten mit einem Staatsstreich geendet, der aus dem Ruder lief und eine Atmosphäre der Gewalt schuf, die später im Genozid an den Tutsi mündete. Nicht nur das hat der Autor mit dem Protagonisten seines Debütromans »Kleines Land« gemein. Der kleine Gabriel, genannt Gaby, hat ebenfalls einen französischen Vater, der nach Burundi ausgewandert, und eine ruandische Mutter, die nach Burundi geflohen ist. Es ist die Geschichte der eigenen Kindheit, die der 1982 geborene Autor literarisch verarbeitet.

Gaby und seine Schwester Ana wachsen im bürgerlichen Haus des Vaters mit Bediensteten und einem großen Garten im privilegierten Auswandererviertel des Orts in einem Kindheitsparadies auf, weitgehend unbehelligt von den Erwachsenen. Doch die Vorboten des Hasses zwischen Hutu und Tutsi, auf die bald eine Welle unsäglicher Gewalt folgen wird, sind immer weniger zu übersehen. Sie wohnen im selben Land, sie sprechen dieselbe Sprache, sie haben denselben Gott. »Aber … warum machen sie dann Krieg?«, fragt der kleine Gaby. »Weil sie nicht die gleiche Nase haben«, lautet die lakonische Antwort des Vaters.

Inzwischen ist der kleine Junge erwachsen, lebt nicht mehr in Burundi, sondern in Frankreich. Doch es treibt ihn zurück: »Ich dachte, ich sei aus meinem Leben verbannt. Doch als ich zurückkehrte, (…) begriff ich, dass ich aus meiner Kindheit verbannt war. Was mir noch viel grausamer erschien.« Er erzählt aus der Perspektive des Zehnjährigen Gewalt, die Erwachsenen ebenso wie die Kinder. »Diese giftige Lava, die breiten Blutströme sollten bald wieder an die Oberfläche quellen«. Das Paradies der Kindheit mutiert zur Hölle, doch der kleine Junge ist nicht bereit, diese Wahrheit zu akzeptieren und spinnt sich mehr und mehr in seine Fantasiewelt ein. Er will um jeden Preis festhalten am Kindsein,
am Frieden, will nicht sehen, wie sich seine Freunde auf die eine oder andere Seite schlagen, nicht den Genozid an den Tutsi und nicht das skandalöse Schweigen des Westens. »Mein Glück war meine Festung und meine Naivität meine Kapelle.« Genial, wie Gaël Faye das langsame Einsickern der Realität in die Wahrnehmung des Jungen erzählt. Auch er wird seine Unschuld verlieren und die Scham darüber wird zu seinem Begleiter bis ins Erwachsenenalter.

Und doch ist Gaël Faye auch ein heiteres Buch gelungen. Beim Schreiben, sagt er, habe er öfter gelacht als geweint. Gaël Faye darf man getrost den Autoren zurechnen, die Sigrid Löffler in ihrem Buch »Die neue Weltliteratur« so treffend skizziert. Sie schaffen eine nicht westliche, von Migration und Sprachwechseln, nicht selten auch von Flucht, Zerfall und Krieg geprägte Literatur, die eine besondere »Intensität der ästhetischen Energie« entwickelt. Gaël Faye kam über Umwege zum Schreiben. Nach seinem Studium in Paris arbeitete er zwei Jahre als Investmentbanker in London, ging zurück nach Paris, entdeckte den Rap für sich und begann, Liedtexte zu schreiben. Seine ersten beiden Alben waren so erfolgreich, dass er den Sprung ins freie Künstlerdasein wagte. Doch »das Lied hat seine Grenzen«, sagt er, deshalb wollte er »eine längere Reise antreten« und einen Roman schreiben. »Kleines Land» ist in seiner Präsenz und machtvollen Authentizität von einer erzählerischen Dringlichkeit, die einen unmittelbar betrifft, und zugleich voller Poesie und Zartheit. Am 24. Oktobern kann man den wortmächtigen, charismatischen Autor im Literaturhaus erleben. ||

GAËL FAYE:KLEINES LAND
Aus dem Französischen von Andrea Alvermann, Brigitte Große | Piper, 2017
224 Seiten | 20 Euro

AUTORENLESUNG, 24. OKTOBER
Moderation: Tanja Graf | Veranstaltung in frz. und dt. Sprache | Literaturhaus, Foyer Salvatorplatz 1 | 20 Uhr, Foyer-Bar ab 19 Uhr