Vom Mumblecore über »Victoria« ins Ensemble der Münchner Kammerspiele. Nun gehört Franz Rogowski auch zum Cast der Regielegende Michael Haneke und spielt an der Seite von Isabelle Huppert. Wir sprachen mit dem Schauspieler über schwierige Anfänge, perfekte Enden und seine Erfahrungen beim Dreh von »Happy End«.

Franz Rogowski | © Tien Nguyen The, Kammerspiele

Zuerst streikt das Aufnahmegerät. Nicht unbedingt der glatte Einstieg, den man sich vorstellt. Doch Franz Rogowski, mitten im Interview-Marathon, sitzt auf einem Sofa im Bayerischen Hof und lächelt mir entspannt zu.

Was ist wichtiger: ein guter Anfang oder ein gutes Ende?
Die Suche nach dem perfekten Anfang oder dem perfekten Ende stellt sich mir im Leben nicht. Für eine Fiktion sind alle Möglichkeiten offen – je nachdem, welche Geschichte man erzählen will.

Deine eigenen Ursprünge liegen im Ausprobieren: Du wolltest Musiker werden, Schauspieler, Tänzer, aber die Voraussetzungen waren nicht alle ideal – mit Knie- und Bandscheibenproblemen, einem Sprachfehler, einem tauben Ohr. Muss man einfach mal anfangen?
Ausprobieren ist eine gute Idee. Und durch das Erlebte dann lernen zu können – es ist schwierig, etwas zu lernen, ohne etwas zu erleben.

Hast du auch schon mal etwas ausprobiert und dann gemerkt, das wird nichts?
Ich habe mir mal selber Saxofonspielen beigebracht und dann wieder aufgehört, weil ich irgendwie nicht zufrieden war; es klang entsetzlich. Aber ich denke dann gar nicht, dass Sachen nicht geklappt haben. Ich habe mich auch schon an Schulen beworben, wo ich nicht genommen wurde, aber das ist dann eben so, und dann geht man weiter. So machen es Kinder ja auch: Sie fassen irgendwohin, und dann ist die Herdplatte zu heiß und sie verbrennen sich – eigentlich kann man jedem nur wünschen, dass er immer wieder auf heiße Platten fasst.

Bekannt im Film wurdest du vor allem durch Jakob Lass’ Mumblecorefilme mit viel Improvisation oder den in einer einzigen, 140 Minuten langen Einstellung gedrehten Thriller »Victoria« von Sebastian Schipper. Jetzt hast du unter der routinierten Hand von Oscarpreisträger Michael Haneke gedreht. Inwiefern war die Arbeit anders?
Bei Jakob ist die grobe Handlung vorgeschrieben, es gibt keine Dialoge. Jeder Take ist anders. Bei Michael dagegen ist alles vorgedacht und im Kopf auch schon aufgelöst, es geht eher darum, die von ihm vorgedachten Szenen zu realisieren als ums Ausprobieren. Jede Szene ist vorgeschrieben, man versucht nur, seine Spielweise anzupassen, ihr gerechter zu werden. Unter Umständen drehst du sie also sehr oft, aber sie verändert sich in ihrer Struktur kaum.

Was ist anstrengender?
Ich finde alles anstrengend. Es ist toll, dass ich diese unterschiedlichen Ansätze ausprobieren kann: Es ist immer die gleiche Arbeit, aber jedes Mal anders.

Der Film ist eine deutsch-französisch österreichische Produktion und im Original auf Französisch – du sprichst keines.
Ich werde von einem Kollegen synchronisiert. Ich fange gerade an, Französisch zu lernen. Seit zwei Monaten drehe ich mit Christian Petzold in Marseille, und die Marseillesen bringen mir immer wieder was bei.

Wie hast du dich dann bei den Dreharbeiten von »Happy End« mit Isabelle Huppert verständigt?
Auf Englisch. Michael ist ständig von Deutsch auf Französisch gesprungen und hat die Sprachen irgendwann auch kombiniert. Isabelle und ich wussten voneinander alle Texte und haben also die Texte des anderen mitgedacht, aber nicht wirklich verstanden. Was eigentlich ganz passend ist, weil wir uns ja auch als Figuren in diesem Film nicht wirklich verstehen. Dadurch ist diese Sprachbarriere irgendwie schön – sie hat etwas mit der Art zu tun, wie wir uns als Figuren verstehen.

Stimmt, eigentlich sprecht ihr auch im synchronisierten Film nicht die gleiche Sprache …
… wie das ja oft ist zwischen Müttern und Söhnen.

Deine Figur gilt als Nichtsnutz der Familie. Aber eigentlich wirken alle Figuren wie eingesperrt im Bildrahmen. Was läuft falsch im Laurent-Clan?
Ich glaube, was sie alle verbindet, sind ihre Ausstiegsfantasien. Die Familie gehört der Oberschicht an und ist finanziell mehr als abgesichert, aber die Familienmitglieder sind nicht glücklich. Jeder versucht, auf seine Weise einen Ausstieg aus dieser Familie zu finden.

Dabei liegt vor dem Haus das wirkliche Leid: Der Film spielt in Calais – beschäftigt sich jedoch hauptsächlich mit der in ihrer Blase der Großbürgerlichkeit um sich selbst zirkulierenden Familie, Flüchtlinge kommen nur am Rand vor.
In Calais sieht man immer wieder Menschen, die geflüchtet scheinen und mit allem, was sie haben, an der Straße sitzen oder im Park. Man kennt das aus den Nachrichten, aber es wirklich zu sehen ist etwas anderes. Das Flüchtlingslager bei Calais habe ich nicht besucht. Mein Leben hat kaum Überschneidungen mit Geflüchteten und deren Alltag.

Lange Zeit war der einzige Satz, den Haneke zum Film veröffentlichte: »Rundherum die Welt und wir mittendrin, blind«.
Ich glaube, für uns in Deutschland heute ist es noch schlimmer, denn wir sind nicht blind. Wir sind uns der Situation eigentlich bewusst – wir tun nur nichts.

Wir verschließen die Augen.

Ja.

In den Münchner Kammerspielen gibt es unter der Leitung von Matthias Lilienthal viele Projekte wie das Welcome Café, die sich für Flüchtlinge engagieren oder einen Raum der Begegnung schaffen – hat das Theater als physisch erfahrbarer und sozialer Ort eine größere Verantwortung als das Kino?
Das glaube ich nicht. Die Methoden sind halt anders, die Geschmäcker. Politische Verantwortung haben wir alle. Man darf das auch nicht romantisieren: Das Theater ist kein utopischer Ort, an dem wir die geglückte Integration feiern. ||

HAPPY END
Frankreich, Österreich, Deutschland 2016 | Regie: Michael Haneke | Mit: Isabelle Huppert, Jean-Louis Trintignant, Mathieu Kassovitz u.a. | 108 Minuten | Kinostart: 12. Oktober
Trailer