Lebendige Oberflächen und nie gesehene Farben – das Haus der Kunst präsentiert die monumentalen Gemälde des spät gewürdigten Klassikers Frank Bowling

Frank Bowling: »Middle Passage«| 1970 | Acrylfarbe auf Leinwand, 321 x 281 cm Courtesy the Artist, © VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Mappa Mundi – ein Motto als Carte blanche. Wird hier mit monumentalen Werken nichts weniger als eine künstlerische Vermessung der Welt versucht? Die spätmittelalterlichen mappae mundi repräsentierten mit der Topographie auch die Heilsgeschichte, in einem Erdenrund mit Jerusalem als Zentrum. Wir aber leben in einer globalen, polyperspektivischen Welt. »Map paintings« nennt Frank Bowling den Teil seiner Arbeiten, die umrahmt, übermalt oder überlagert, Umrisse von Südamerika, Guayana, Australien oder Nordamerika als Bildelemente zeigen. Ein genialer Coup des Künstlers, der mit dieser Metapher gigantische Assoziationsräume öffnet: Landkarten implizieren nationale Grenzen, einen politischen Raum, historische Entwicklungen, sie zeigen Land, Heimat, Erde, bedeuten Dazugehören oder Ausgegrenztsein, Heimat oder Exil, Sehnsucht oder Aufbruch – und tatsächlich werden all diese Assoziationen unterfüttert, entdeckt man doch bald Gesichter in den riesigen Farbflächen, einen Helm, ein Boot, ein Haus, ein kuhäugiges Tiergesicht, Linien und Balken, die umrahmen, gliedern oder trennen. Oder der Umriss der Landkarte, wie in dem Bild »Polish Rebecca« von 1971, reißt ein herzförmiges Loch, als würde das zentrale Lebensorgan herausgesprengt.

Im Treppenhaus eine erste Begegnung mit den monumentalen Gemälden, riesenhafte, in sich strukturierte Farbflächen in ungewöhnlichen Rottönen neben strahlendem Gelb. Das ganze Wunder dieser Ausstellung entfaltet sich dann in den oberen Räumen: Bilder, in denen man sich verliert, die eine verblüffende Sogwirkung entfalten. Erst beim Näherkommen werden die vielen Details und Anspielungen sichtbar. Schier unerschöpfliche Assoziationsströme kommen in Gang, die nichts weniger als die Synchronizität von Gewalt und Leid, Ausgrenzung, Rassismus, Glück und Lebensfreude zum Inhalt haben. Keine banalen Anspielungen, kein eitler Pseudointellektualismus, ein künstlerisches Schöpfen aus dem Leben selbst. Der 1934 in British-Guayana geborene Richard Sheridan Franklin Patrick Michael Aloysius Bowling, wie er mit vollem Namen heißt (»Richard Sheridan« heißen auch drei der ausgestellten Werke aus dem Jahr 1969), bearbeitet die Oberflächen seiner riesigen Bilder mit vielfältigen Techniken – Malen, Spritzen, Kleben, Gießen. Es entstehen Flächen, die sich überlagern und eine unglaubliche Lebendigkeit entfalten, Farbtöne, wie man sie kaum je gesehen hat, Formen und Spuren, mit denen das Auge reist. Später kamen noch das Vernähen, Spachteln, Schaumstoff und Modellieren mit Kunststoffgel hinzu, so dass die Gemälde weiter in den Raum und ins Licht ausgreifen.

Bowling kam 1953 aus seiner südamerikanischen Heimat nach London, diente in der Armee, jobbte. Er wollte zunächst Schriftsteller werden, bis er die Kunst für sich entdeckte. Er arbeitete als Modell am Royal College of Art, feilte an seiner Bewerbungsmappe und im zweiten Versuch gelang ihm die Aufnahme ins RCA. Beim Abschluss des Studiums 1962 wurde er mit der Silbermedaille für Malerei ausgezeichnet – Gold ging an seinen Freund David Hockney. Mitte der 60er Jahre zog es ihn nach New York. Erst dort konnte er in einem entsprechenden Atelier in den riesigen Dimensionen arbeiten, die seine Werke von da an auszeichnen. Es war die Zeit der schwarzen Bürgerrechtsbewegung und auch Bowling beteiligte sich an den Debatten über die Bedeutung der Hautfarbe im Kunstbetrieb. Er kehrte nach London zurück und wechselte zwischen zwei Ateliers in der Themsestadt und in New York. »Farbe ist Licht, und das Thema ist Materie«, notierte er einmal. 2005 wurde der sympathische Künstler mit dem schalkhaften Lachen als erster Schwarzer Mitglied der Royal Academy of Arts.

In der »Postwar«-Weltkunstschau im Haus der Kunst war Bowling mit figürlichen Bildern vertreten, einem Schwanenmotiv (1964), dessen sterbender Vogel zwischen farbiger Geometrie, Op-Art-Zielscheibe und abstraktexpressionistischen Farbspritzern eine stilistische Krise anzeigt. Haus-der-Kunst-Chef Okwui Enwezor kuratierte nun mit Anna Schneider eine großangelegte, Jahrzehnte des Schaffens seit der New Yorker Zeit ab 1966 überspannende Werkschau der abstrakten Großformate und postmalerischen Experimente. Man darf dem ersten Blick, dem allerersten Urteil beim Betrachten dieser Werke Bowlings nicht trauen. Jede Zuordnung, jedes vorschnelle Urteil entzieht sich bei genauerem Hinsehen oder verkehrt sich ins Gegenteil. Die fotografische Reproduktion dieser Bilder vermittelt daher kaum, was ihre Faszination ausmacht, sie verschleiert eher deren Potential. Wenn er seine Oberflächen überschüttet und abwartet, was bei der Trocknung geschieht, erläutert Bowling im Film, hofft er »Dinge zu finden, die ich nie zuvor gesehen habe«. Man muss vor dem Original stehen, muss sich ihm nähern, es abwechselnd im Detail und aus der Ferne betrachten, damit es seine explosive Macht und seine überraschende Empfindsamkeit entfaltet. Es sind Bilder, mit denen man leben möchte wie mit Menschen, als könnten sie einen bewahren vor dem Sich-Verlieren im oberflächlich Alltäglichen und zugleich nach Hause kommen lassen. ||

FRANK BOWLING – MAPPA MUNDI
Haus der Kunst| Prinzregentenstr. 1 | bis 7. Januar 2018| Mo–So 10–20 Uhr, Do 10–22 Uhr | 20. Okt., 11–19 Uhr: internationales Symposium zu Bowling »The Sea is History: Art and Black Atlantic Cultures« | 2. Nov./7. Dez./4. Jan., 18–22 Uhr Eintritt frei | Der gleichnamige, von Okwui Enwezor herausgegebene Katalog (Prestel, 2017, 288 Seiten, Englisch mit deutschem Booklet, 110 Abb.) widmet sich dem Gesamtwerk und kostet 49,95 Euro