Evelyn Hriberšek schafft mit EURYDIKE Erfahrungsräume auf der Schnittstelle von Installation, Musiktheater und Virtual Reality

Vor der Premiere lässt Evelyn Hriberšek außer Nebel und Neon nichts sehen | © Evelyn Hriberšek

2012, lange bevor der spröde Begriff »Immersion« – gemeint ist das physische Eintauchen des Betrachters in künstlich geschaffene Welten – zum unvermeidlichen Modeattribut zeitgenössischer Theaterformen wurde, arbeitete Evelyn Hriberšek bereits genau daran, wovon heute so viele reden: eine durchlässige Verbindung zwischen analogen und digitalen Elementen zu schaffen. Wer ihre musikalisch-theatrale Installation O.R.PHEUS in einem Bunker unter dem Alten Botanischen Garten ›begangen‹ hat, wird sich wohl immer mit einem leichten Schauder an die mit seltsamen medizinischen Gerätschaften im retrofuturistischem Design der 50er Jahre eingerichteten Räume erinnern, in die für 25 Minuten jeweils nur ein Besucher eingelassen wurde. Mittels einer eigens entwickelten Smartphone-App konnte er dazu Klänge und Augmented-Reality-Animationen abrufen, um sich mit einem Kosmos aus subtil-suggestiven Ängsten zu konfrontieren – und das fünf Jahre bevor Pokémon Go der erweiterten Wirklichkeit zum kommerziellen Durchbruch verhalf.

Nun soll das eigenwillige Format mit EURYDIKE in ein neues Level eintreten. Mittels Headset und 3-D-Sound darf sich der Zuschauer, wiederum allein, in der eigens präparierten alten Feuerwache auf dem
Gelände des Kreativquartiers jeweils eine halbe Stunde lang seine individuellen Grenzerfahrungen erspielen. Wo es bei O.R.PHEUS noch einige wenige Sprachelemente gab, funktioniert EURYDIKE nun ausschließlich als atmosphärischer »narrative space«, der durch das Zusammenspiel analoger und digitaler Reize und die »soundscapes« der dänischen Elektrokomponistin und DJane SØS Gunver Ryberg Assoziationen evoziert. Vorwegnehmen will Hriberšek allerdings nichts: »Alles, was da drin passiert, hat seinen Grund, aber ich finde es viel spannender, was die Besucher, ohne dass sie vorher viel gelesen haben, daraus machen.«

Dabei geht es Hriberšek, die zunächst Architektur und dann in Stuttgart und München Bühnen- und Kostümbild studierte, nicht etwa in erster Linie um den Einsatz von technologischen Spielereien, auch wenn sie bereits während ihres Studiums mit der Verknüpfung von Realem und Virtuellem experimentierte. »Was mir häufig fehlt bei Kunst oder bei anderen Arten von Erleben, ist, dass mich etwas wirklich emotional berührt, und zwar so, dass ich anfange, mich ernsthaft damit zu beschäftigen«, erklärt sie und fügt auf die Frage nach dem ersten Impuls für die Arbeit an O.R.PHEUS hinzu: »Der Stoff hat mich gefunden, dieser Komplex um Leben und Tod, Entscheidung und Limitierung, das hat mich ein paar Jahre umgetrieben, weil das so stark in unserem Leben verankert ist.« Entscheidend war dann, wie sich der Mythos in eine adäquate Form übertragen lässt, wie sich sperrige Themen wie Grenzüberschreitung, Transformation oder Transzendenz unmittelbar erfahrbar machen lassen. »Ich bin ein Form-follows-function-Typ, der Einsatz von neuen Medien und Technologie muss Sinn machen«, betont sie und glaubt dabei nach wie vor an die Kraft eines Gesamtkunstwerks, auch wenn in ihren inszenierten Environments abgesehen vom Zuschauer keine lebenden Akteure auftreten.

Durch O.R.PHEUS wurden schließlich Vertreter der Games-Branche auf Hriberšek aufmerksam. Mittlerweile hat sie als Eventdesignerin für bekannte Videospielreihen wie »Resident Evil« gearbeitet und betrachtet die Übergänge zwischen Theater und Games als durchaus fließend. Die eigene Perspektive sieht sie ebenfalls in einem Zwischenbereich: »Meine Arbeit hat viel mit Zukunftsforschung zu tun, aber ich bin da auch sehr kritisch. Nur weil ich die Technologien einsetze, heißt das nicht, dass ich sie nicht hinterfrage. Im Gegenteil, ich finde, das muss man unbedingt tun, denn sie verändern unsere Gesellschaft vehement. Ich selbst sehe mich als eine Art ›architect of tomorrow‹, das heißt, ich kreiere Zukunft, setze mich aber gleichzeitig auch für Transparenz und Aufklärung in diesem Bereich ein – EURYDIKE bringt das Beste beider Welten zusammen. Sie schließen sich nicht aus, im Gegenteil, sie benötigen sich gegenseitig.« Dabei erscheint es durchaus einleuchtend, dass sich diese Synergien im Kontext von Kunst intensiver und ergebnisoffener erkunden lassen als bei den von vorneherein marktorientierten Neuheiten der Gamescom. ||

EURYDIKE – FROM THE WOMAN BEHIND O.R.PHEUS
Alte Feuerwache| Dachauer Str. 112 | 10. Okt. bis Ende
November (geplant) | Di bis So 10 bis 23 Uhr
ab 18 Jahre | Tickets