Das Literaturhaus präsentiert noch bis Anfang November eine Ausstellung über den bayerischen Weltbürger und Rebellen Oskar Maria Graf.

unten: Oskar Maria Graf, Berg 1964| Fotografie: Stefan Moses © Münchner Stadtmuseum / Sammlung Fotografie

Er wurde zum Rebell aus »grundmenschlicher Empörung«, erklärt Oskar Maria Graf im Vorwort zu seiner Essaysammlung »An manchen Tagen«. »Rebell, Weltbürger, Erzähler« lautet der Titel einer Ausstellung im Literaturhaus, die in einem 1933 startenden Rundgang durch die Stationen seines Exils führt. Via Audioguide liest Friedrich Ani zu Beginn eine ungemein eindringliche Passage aus den autobiografischen Aufzeichnungen »Gelächter von außen« über das Entsetzen und die würgende Angst, die Graf und seine jüdische Lebensgefährtin und spätere Frau Mirjam Sachs bei den »bierheiser« durch München tönenden »Sieg Heil!«-Rufen befiel. Wie nach einem Rettungsanker griff er nach einer Einladung nach Wien. »Da bleiben wir, bis alles rum ist«, meinte er.

Tatsächlich sollte es ein Abschied bis zum Tod werden. Nach seiner Zwangsausbürgerung 1934 lebte Graf als passloser Emigrant, bis er als 63-Jähriger endlich die amerikanische Staatsbürgerschaft erhielt, deren Eidesformel für den kompromisslosen Pazifisten gekürzt wurde. Auf Schreibtischen aufgereihte Schaukästen mit Fotografien, Briefen und Dokumenten zeichnen im Literaturhaus seinen Weg über Wien und Brünn bis nach New York nach. Laura Mokrohs und Karolina Kühn haben eine reiche Sammlung an Material zusammengestellt, Bekanntes und kaum Bekanntes wie Grafs mit der Anrede »Hochnotpeinliche Herren!« eingeleiteten, beißend sarkastischen Brief an die »Reichsstelle zur Förderung des deutschen Schrifttums« und die erstaunlich humorige Antwort. Die schönste Idee der Kuratorinnen ist ein aus Holzlatten gezimmerter, von einer Bank umschlossener Baum, aus dessen Stamm Auszüge aus Grafs großem Roman »Das Leben meiner Mutter« erklingen, eine von tiefen Ambivalenzen durchzogene nachgetragene Liebeserklärung und fesselnde ländliche Sozialgeschichte.

»Verbrennt mich!«

Man trifft allerdings auch auf irritierende Nachlässigkeiten. Reichlich ratlos steht man etwa vor einer Kräuterzeichnung, unter der zu lesen ist, seine Mutter habe ihren sogenannten »Kindsfuß« mit Kamille und Huflattich behandelt. Allein, wir erfahren weder etwas über den damit verbundenen lebensgefährlichen Aberglauben, die Bedeutung des Motivs im Roman, noch über die Herkunft der Abbildung. Letztlich konzentriert sich diese Graf-Hommage, die sich nicht an Literaturwissenschaftler, sondern an ein breites Publikum richtet, mehr auf den Emigranten als auf den Schriftsteller und seine Bücher. Gegen solch eine thematische Fokussierung ist nichts einzuwenden. Dennoch: Wenigstens einen Essay im Katalog zu Oskar Maria Grafs Schreiben im Exil hätte man sich schon gewünscht. Versäumen aber sollte man die Ausstellung auf keinen Fall, die einen Eindruck vermittelt von seinem ungeheuren Mut, hellsichtigen Intellekt und scharfzüngigen Witz, und in der natürlich auch sein Aufruf »Verbrennt mich!« an die Vertreter eines »barbarischen Nationalismus, der mit Deutschsein nichts, aber auch rein gar nichts zu tun hat« und seine legendäre Lederhose nicht fehlen.

Der Bäckerssohn aus Berg, der jede Form sentimental verlogener, borniert gemütlicher Bayerntümelei hasste, blieb in New York demonstrativ ein Bayer. »Mein Auftreten in Lederhosen«, bekannte er 1958, »macht mich überall rasch populär und geschäftlich ist das ungemein vorteilhaft.« Er war unkorrumpierbar und ein gewitzter Selbstvermarkter, ein Sozialist, dem linksromantische Illusionen über »das Volk« fremd waren und in dessen Arbeitszimmer neben Marx Tolstoi, Thomas Mann, Goethe und seine Mutter hingen. Er war ein trinkfester Stammtischbruder und allerorten ein Außenseiter, heillos heimatverbunden in der Entfremdung, »verwurzelt in der Entwurzelung« wie Robert Stockhammer in der Zeitschrift »Exil« bemerkte. Graf, der nie ordentlich Englisch lernte, liebte die Weltstadt New York, die ihn nicht zwang, sich zu assimilieren. Heimat, betont er in einer Interviewaufzeichnung, das war für ihn die Sprache. Wie viel er uns auch heute noch zu sagen hat, will diese Ausstellung deutlich machen.

Das »provinzielle deutsche Tüchtigkeitsprotzentum«, dem er bei seinen Besuchen in der von rassistischem Dünkel und oberflächlich kaschiertem Antisemitismus geprägten »wirtschaftswunderlichen Bundesrepublik« begegnete, stieß ihn ab. Das Land, nach dem er sich heimsehnte und an das er trotz allem lebenslang glaubte, war ein anderes. Unbeirrbar beschwor er jenes »andere, das freie und ewige Deutschland«, ein Land in der Mitte Europas, in dem »einst alle geistigen Strömungen aus Ost und West, aus Nord und Süd«, zusammenflossen. »Diese Tradition«, schrieb er in einer nie gehaltenen Rede an die Deutschen, »müssen wir wiederaufnehmen und weiterentwickeln!« ||

OSKAR MARIA GRAF: REBELL, WELTBÜRGER, ERZÄHLER
Bis 5. November| Literaturhaus | Mo bis Mi u. Fr 11–19 Uhr, Do 11–21.30 Uhr, Sa, So, Feiertag 10–18 Uhr | Eintritt: 6 Euro / 4 Euro, Montag für Studierende und Schüler 2 Euro | Katalog: 10 Euro