Chinesische Hinterglasmalereien sind in Europa und auch in China kaum bekannte Kunstschätze. In Augsburg gibt die Ausstellung einer exzellenten Privatsammlung faszinierende Einblicke in rätselhafte Bilderwelten und ihre vielschichtige Metaphorik.

Chinesische Glücksgötter am Jadesee, in europäisch gemalter Landschaft – Das glückbringende Dreigestirn und Knaben| 19. Jh. | © Privatbesitz, Foto: Andreas Brücklmair

Import – Export. Aus dem Land des Lächelns importierte – und imitierte – Europa Teekultur, Seide und das Porzellan. Chinoiserien schmückten im 18. Jahrhundert die Paläste und Pavillons und die Wohnungen der Begüterten. Die Chinesen wiederum importierten als Luxusware Spiegel und Fensterglas, die zuerst in Venedig und Tirol, später in ganz Europa hergestellt wurden. Auch bemalte Spiegel und Hinterglasgemälde kamen als Tributgeschenke ins Reich der Mitte, Jesuitenmönche malten dort, aber auch die kunstvollen chinesischen Handwerker produzierten schon im 18. Jahrhundert mit großer Perfektion und massenhaft – sodass aus Kanton viele Hinterglasbilder in die ganze Welt exportiert wurden.

Die befriedigten mit einer europäisch-chinesischer Stilmischung den Exotikhunger Europas und lieferten gefragte Motive. So konnte sich Goethe über Zeichen seines internationalen Ruhms freuen, denn »auch sogar der Chinese / Mahlet, mit ängstlicher Hand, Werthern und Lotten auf Glas«. Wenig ist bisher bekannt von diesem wirtschaftlichen und künstlerischen Austausch, in China gibt es nur wenige Sammlungen, deutsche Museen haben kaum etwas – und über die Entwicklung und Stilistik wurde so gut wie nicht geforscht. Die Ausstellung in Augsburg ist eine Sensation, nicht nur, weil sie die weltweit erste zu Bolihua (chinesisch für: Hinterglasmalerei) aus der Zeit von 1850 bis 1950 ist, sondern auch, weil die etwa 130 Bilder der Privatsammlung Mei-Lin feinstes Augenfutter bieten und inhaltlich reizvolle Rätsel aufgeben. Die modernen Telefonistinnen aus der Zeit der Republik beispielsweise betätigen im Büro vermutlich deutsche Zelluloid-Wandapparate, ihre spitzen Füßchen wirken wie die eingebundenen Füße aus der Kaiserzeit – oder folgt diese Darstellung der modernen Frau hierin nur der alten Bildtradition?

Einmal im Jahr verlassen die drei Glücksgötter ihren Platz am Sternenhimmel, zum Festmahl der Königinmutter des Westens im sagenhaften Kunlun-Gebirge. Über dem Jadesee schwebt auf Wolken – aus dem Atem einer Riesenmuschel? – ein Gebäude, die Knaben huldigen mit symbolträchtigen Gegenständen dem Glücksgott, dem Gott des Beamtenrangs oder Geldes und dem Gott des langen Lebens mit seiner hohen Stirn. Doch warum sind die Bäume im Stile europäischer Landschaftsmalerei gestaltet? Alle Bilder werden in der Schau knapp und hilfreich erläutert, im Katalog von Rupprecht Mayer instruktiv kommentiert. Und man kann sich nicht sattsehen an den prachtvollen, ja extravaganten Mustern in den Gewändern, an den mächtigen Wesen – etwa dem Flutdämon, der an die Himmelssäule gekettet ist, die auch beim »Dreigestirn« über den See ragt. Oder man folgt den erotischen Verwicklungen mit den Fuchsgeistern und Fuchsfeen oder bewundert die Blüten und Blätter auf Spiegelglas. Schön, dass die im Schaezlerpalais gerade neu präsentierte, hochkarätige Sammlung Steiner die europäischen Formen dieser Kunst veranschaulicht. Und dass der Sammler hierzu die druckgrafischen Vorlagen der seitenverkehrt aufs Glas kopierten Motive aufgespürt hat. ||

BOLIHUA – HISTORISCHE HINTERGLASMALEREI AUS CHINA
Schaezlerpalais | Maximilianstr. 46, 86150
Augsburg | bis 15. Oktober| Di bis So 10–17 Uhr
Führungen: jeden Sa bis 30. Sept., jew. 15 Uhr
Der informative Katalog mit Abbildungen aller Werke (Hirmer, 251 Seiten) kostet im Museum 24,90 Euro

DER BLICK DAHINTER. HINTERGLASMALEREI AUS DER SAMMLUNG STEINER
Schaezlerpalais (Erdgeschoss) | Dauerausstellung | Di bis So 10–17 Uhr | Das Begleitheft
»Der Blick dahinter. Die grafischen Vorlagen der Hinterglasgemälde der Sammlung Steiner« (64 Seiten, zahlr. Abb.) kostet 3 Euro