Warum treten junge Frauen in einen Schweigeorden ein? Das zeigt eine Ausstellung im aufgegebenen Salesianerinnen-Kloster Beuerberg.

Kreuze, Heiligenbildchen, geweihte Rosen und allerlei Krimskrams für fromme Seelen (linke Seite) © Diözesanmuseum Freising

»8. Sept. 1954 Einkleidungstag mit Onkel u. Mutti in der Küche – völlig glücklich.« So steht es in braver Schreibschrift neben einem Porträtfoto, und auf dem Bild strahlt tatsächlich eine junge Frau, für die sich ein Lebenswunsch erfüllt hat: der Eintritt ins Kloster Beuerberg.Doch so idyllisch die Lage hoch über der Loisach auch sein mag, man kann sich das heute, im Strudel der Verheißungen eines
modernen Frauenlebens, kaum mehr vorstellen. Zumal in Beuerberg auch noch die Salesianerinnen gewirkt haben, ein Schweigeorden, der gerade für die Novizinnen harte Prüfungen vorsah. Dass bis auf die Rekreation, das ist die Zeit der Erholung und des Austauschs, nur das Allernötigste gesprochen werden durfte, daran konnte man sich ja noch irgendwie gewöhnen. Zumindest, wer keine ausgesprochene Ratschkattl war. Dafür dürfte den meisten die strikte Trennung von der Familie zugesetzt haben.

Im Ausstellungsparcours, der 2015 nach dem Wegzug der Salesianerinnen aus Beuerberg eingerichtet wurde, blicken die letzten Schwestern in einer Filmaufnahme auf diese schwere Phase zurück. Auch und besonders für die Familien – fast ist man versucht, von Hinterbliebenen zu sprechen. In einem Fall planten die Geschwister sogar eine Entführung. Doch Schwester Aloysia blieb und lächelt heute, mittlerweile hochbetagt, über diese »Lausbubenidee«. Der Plan wäre sowieso schief gegangen, das Mädchen hatte sich längst für die Abkehr von der Welt entschieden. Und wer vor dem mächtigen, mit einem dunklen Vorhang versehenen Gitter im Sprechzimmer vis-à-vis der Pforte steht, für den wird der Klausur-Gedanke greifbar. Nicht nur bei den Salesianerinnen war im ersten Jahr jeder Kontakt nach außen untersagt, danach durfte zu bestimmten Zeiten Besuch kommen, den die Frauen hinter dem Vorhang allenfalls hören konnten. »Welche Zumutung!«, haben die Eltern einer Ordensschwester 1954 neben ein Foto geschrieben, das die beiden vor dem Gitter zeigt.

Von der Spitze bis zum Lebkuchenmodell

Solche kleinen persönlichen Erinnerungen und Notizen findet man immer wieder in Beuerberg. Eingestreut zwischen Rezeptheften und Nähnadeln, Waschzubern oder Rührschüsseln erzählen sie gerade in ihrer Spontaneität mehr über die Nonnen und ihren Alltag, als das die Annalen zulassen. Und Beuerberg hat einen entscheidenden Vorteil: Hier musste nichts mühsam rekonstruiert werden. So, wie die Schwestern das Kloster im Frühjahr 2014 verlassen haben, konnten es Christoph Kürzeder und seine Mitarbeiter vom Diözesanmuseum in Freising übernehmen und diesen außergewöhnlichen Ort für die Nachwelt sichern. Mit allem Drum und Dran, von der fein geklöppelten Spitze bis zum Lebkuchenmodel, von den Phiolen und Pipetten der hauseigenen Apotheke bis zum Briefchen mit dem »Holz vom Sarge der sel. M. Kreszentia«. Kostbar gefasst – etwa mit Silberdraht und Perlen – wurden die Späne in Reliquien- oder Andachtsbilder eingearbeitet. Auch das gehörte früher zu den Zuständigkeiten der Frauenklöster.

Alles war da und für alles gesorgt in diesem abgeschlossenen Kosmos. Hinaus brauchte keine der Nonnen, selbst die Ärzte kamen früher zur Krankenvisite. Neben den Handwerkern waren das die wenigen Männer, die die Frauen überhaupt zu Gesicht bekamen – oder zumindest hören konnten. Denn eine Schwester musste auch einen sehr eilig gerufenen Herrn Doktor an der Pforte abholen und vorher mit einem Glöckchen durch die Gänge läuten, damit die Damen ja schnell das Weite suchen konnten. Im eingangs erwähnten Film ist sogar von einer Beinamputation die Rede, die noch im Kloster durchgeführt wurde. Mit der Zeit waren diese extremen Klausurvorschriften allerdings nicht mehr zu halten, das Zweite Vatikanische Konzil mit seinen weitreichenden Reformen für die katholische Kirche machte vor den Ordensgemeinschaften nicht halt. So fiel Mitte der 1960er Jahre in vielen Klöstern nicht nur das Gitter im Besuchsbereich, die Nonnen in Beuerberg hatten sogar zwei Wochen frei. Wobei es manche Schwester gar nicht hinaus zog.

Das brettlharte Himmelbett

Maria Gonzaga, eine der letzten Salesianerinnen in Beuerberg, ist lieber geblieben und hat Krippen für den Weihnachtsmarkt gebaut. Und wer weiß, ob so ein Freigang nicht auch mit einer empfindlichen Störung des Seelenfriedens einher gegangen wäre.Wobei die Klausur ja durchaus ihren Sinn hatte und für viele – hier kommt der Titel der Ausstellung ins Spiel – wirklich ein Sehnsuchtsort war. Ja sogar ein Ort der Selbstverwirklichung. Man muss sich nur das Leben vor Augen führen, das die meisten Frauen draußen erwarten konnten. Vom Herrn Bräutigam, den oft genug die Familie ausgesucht hat, bis zum arbeitsreichen Leben als Magd, die womöglich von einer giftigen Bäuerin herumkommandiert wurde. Oder als Tagelöhnerin mit der Aussicht, am nächsten Tag schon wieder auf der Straße zu stehen.

Bei aller Strenge hat die Klausur in vielen Fällen Freiheit bedeutet, die Ein- und Unterordnung in eine Gemeinschaft Sicherheit und die Gewissheit, stets ein Dach über dem Kopf zu haben – sowie drei Mahlzeiten täglich. Da mag die Zelle noch so klein gewesen sein, das »Himmelbett« brettlhart und die Ausstattung aufs Allernötigste beschränkt. Und wer weiß, ob zu Hause nicht schon vier Geschwister unter der Decke lagen.Die anfangs beschriebene junge Frau hat übrigens durchgehalten. Es gibt noch ein Foto vom 9. September 1961, da steht sie mit einem Kränzlein überm Schleier und lächelt beseelt bei ihrer »ewigen Profeß«. So ist es unter dem Bild zu lesen. Immer noch in braver Schreibschrift. ||

KLAUSUR – SEHNSUCHTSORT KLOSTER
Kloster Beuerberg| Königsdorfer Straße 7
82547 Eurasburg-Beuerberg | bis 3. Oktober
Mi bis So und Fei 10 – 18 Uhr | Führungen: Sa 15, So 11 und 15 Uhr | Website
08179 92650