Was sind eigentlich Graphzines? Das erfahren Sie in Fürstenfeldbruck – dort ist die comic-nahe Spezialität aus Frankreich zum ersten Mal in einem deutschen Museum zu sehen.

Le Dernier Cri (Nr. 8 auf Nr. 5). | Ris-Orangis: Le Dernier Cri, 1994 | Serigrafie Fotos: Wolfgang Pulfer

Unglaublich, was alles in diesem Gehirn sitzt. Ein aufgespießter Ballon mit Elefantenrüssel, Beine, die in Füße aus Teufelsgesichtern münden, ein Baby mit drei übereinander gestülpten Köpfen und immer wieder Fratzen. Ein grausiges Krankenhaus – »Hôpital Brut« – tut sich hier auf, und wäre das Blatt quadratisch, man könnte die makabre Vision leicht für das Plattencover einer Hardrock-Band der abgedrehten Sorte halten. Doch wir befinden uns annähernd im DIN-A4-Format, und die beschriebene Szenerie bildet den Auftakt zu einem typischen Graphzine der Künstlergruppe »Le Dernier Cri«.

Wer diesen Begriff nie gehört hat, befindet sich in durchaus kunstkundiger Gesellschaft. Graphzines, ein Wortmix aus Grafik und Magazin, sind eine französische Spezialität und nun in Fürstenfeldbruck zum ersten Mal in einem deutschen Museum ausgestellt. Die in Frankreich populären Underground-Hefte gibt es seit den 1970er Jahren, Künstler und Grafiker rebellieren damit nicht nur gegen das Establishment, sondern gleichermaßen gegen den Kunstbetrieb Comics und auch die Street Art sind sichtlich nah, die Verbindung zu Punk, Rock, Noise oder Metal darf man als eng bezeichnen. Allerdings meinen es die unabhängigen Graphzine-Leute wirklich ernst mit dem Verzicht aufs große Geschäft. Bis heute ist die Szene eine kommerzfreie, man arbeitet in Kollektiven, oft unter Pseudonym, die Auflagen sind klein, und neben dem professionellen Sieb- oder Offsetdruck muss gar nicht so selten der Kopierer herhalten. Was deshalb gleich auf den ersten Blick verblüfft, ist die handwerkliche Qualität. Genauso der grafische Anspruch, die expressive Kraft, eine Fantasie, die zwischendurch an die skurrilen Seiten eines Hieronymus Bosch erinnert, und nicht zuletzt die Chuzpe.

Das Kollektiv mit dem vielsagenden Namen Bazooka – dahinter stehen etwa Christian Chapiron und Louis Dupré alias Kiki und Loulou Picasso – hat kaum eine Bildschlacht und schon gar kein Tabu ausgelassen. Vor allem dürfte das ungezwungene Spiel mit der Ikonografie des Terrorismus manche Bürgerseele auf die Palme geschossen haben. Die parodierten RAF-Mitglieder sind jedenfalls leicht auszumachen.

Mitte der 1980er Jahre haben Pascal Doury und Bruno Richard von »Elles sont de sortie« (die beiden ließen tatsächlich keinen Freigang aus) Bilder verstümmelter Kriegsopfer mit pornografischen Aufnahmen konfrontiert. Fraglos wäre dieses auf die Spitze getriebene Gemisch von Sex und Gewalt auch heute noch ein Skandal.Doch es geht keineswegs nur hart zur Sache. Vieles ist amüsant, witzig, anregend, ja fantastisch. Man braucht nur einen Stock tiefer zu gehen, wo sich ein überdimensionales und damit begehbares Graphzine ausbreitet. Stéphane Blanquet hat sich hier verausgabt, und man taumelt vorbei an Schattenspielen und verwirrenden Tapisserien, an Terracottafigurinen und bis in die letzten Winkel vollgepfropften Leinwandflächen, um sich schließlich in einem Spiegelbild zu verlieren.

Blanquet hat diese Installationsoperette eigens für das Museum geschaffen. Die Graphzines stammen dagegen aus dem Münchner Zentralinstitut für Kunstgeschichte, das überhaupt eine exquisite Sammlung dieser rotzfrechen Hefte und Blätter besitzt. Dass sie nun in Fürstenfeldbruck gezeigt werden, mag mit einem Zufall zu tun haben. Andererseits bewiesen die Museumsleiterinnen Eva von Seckendorff und Angelika Mundorff bereits ein Händchen für das Präsentieren von Künstlerbüchern. Wer die quälend antiquierten Ausstellungen im Zentralinstitut kennt, weiß sofort, dass den schrillen Graphzines nichts
Besseres passieren konnte. ||

»GRAPHZINES« AUS DEM ZENTRALINSTITUT FÜR KUNSTGESCHICHTE MÜNCHEN
Museum Fürstenfeldbruck im Kunsthaus
(Kloster Fürstenfeld) | Fürstenfeld 6 | bis 24. Sept.| Di bis Sa 13–17 Uhr, So/Fei 11–17 Uhr