Was kann und soll Literatur leisten? Didier Eribon und Édouard Louis diskutieren mit Alex Rühle über die politische Lage in Frankreich, die neu belebte »Littérature engagée« und die Aufgabe von Schriftstellern in der Gesellschaft.

Als der heute 24-jährige Édouard Louis 2014 sein autobiografisches Romandebüt »En finir avec Eddy Bellegueule« (»Das Ende von Eddy«) veröffentlichte, widmete er es dem Soziologen und Philosophen Didier Eribon, der erst sein Lehrer war und mittlerweile zum engen Freund und engagierten Mitstreiter geworden ist. Eribon hatte fünf Jahre zuvor mit der autobiografischen Analyse »Retour à Reims« (»Rückkehr nach Reims«) die einst von Jean-Paul Sartre ausgerufene »Littérature engagée« neu belebt – und Louis maßgeblich beeinflusst.

Knapp 40 Jahre Altersunterschied liegen zwischen den beiden Autoren. Doch wenn man liest, was es für sie bedeutete, als schwule Jungen in einer Arbeiterfamilie in der französischen Provinz aufzuwachsen, scheint die Zeit außer Kraft gesetzt. Oder anders gesagt: Scheint es höchste Zeit, etwas gegen die dortige Arbeitslosigkeit und soziale Exklusion, den damit einhergehenden Rassismus, Alkoholismus und die hohe Gewaltbereitschaft zu unternehmen.

Im Epilog von »Rückkehr nach Reims« erzählt Eribon, wie er sich erst durch alles thematisch Passende las, weil er wusste, dass eine verschriftete Heimkehr »nur durch die Vermittlung, ich wollte sagen durch den Filter, kultureller, das heißt literarischer, theoretischer und politischer Referenzen gelingen konnte«. Werke von Barthes, Bourdieu, Baldwin, Duras, Deleuze, Foucault, Lacan und Sartre halfen ihm, »das zu formulieren und zu denken, was man auszudrücken sucht, vor allem aber gestatten sie, die emotionale Aufladung zu neutralisieren«. Während Eribons theoretisch unterfütterte Autobiografie zwischen Roman und soziologischem Essay changiert, wählte Louis für »Das Ende von Eddy« eine streng literarische Form – wobei er seine präzise Erzählerstimme mit eingeflochtenen derben Zitaten, Sprüchen und Berichten der Dorfbewohner konterkariert. In einem ähnlichen Verhältnis stehen Eribons und Louis’ neue Bücher zueinander, die beide diesen Herbst in Deutschland erscheinen. Eribon vertieft in »Gesellschaft als Urteil« seine Überlegungen zu den herrschenden Klassenverhältnissen, den Gründen für den Aufstieg des Front National, den dringlichen Aufgaben von Staat, Gesellschaft, Politik und untermauert diese mit den oben genannten Denkern.

Den Ausgangspunkt für Louis’ literarischsoziologische Auseinandersetzung mit dem Gewaltpotenzial in der Gesellschaft bildet eine persönliche Erfahrung: Er nimmt in Paris eine Zufallsbekanntschaft von der Straße mit nach Hause und verbringt mit dem fremden Mann eine anregende Nacht voller Sex und Gespräche, die am frühen Morgen dramatisch endet. Wie in seinem Debüt bedient sich Louis in »Im Herzen der Gewalt« verschiedener Sprachebenen: Die Schwester seines Alter Ego berichtet ihrem Mann aus zweiter Hand von dem Geschehnis, der Ich-Erzähler lauscht hinter der Tür und hadert mit der Diskrepanz des von ihm Erlebten und der mündlichen Wiedergabe. »Mit diesem formalen Aspekt wollte ich unterstreichen, was passiert, wenn andere sich unserer Geschichte bemächtigen«, sagt Louis. Auch ein gewisser Didier spielt eine Rolle. Er und Geoffroy (hinter dem sich der Philosoph und Soziologe de Lagasnerie verbirgt, der auch im realen Leben zu Louis’ Vertrauten gehört) überreden den Erzähler, zur Polizei zu gehen. Dass er einen Mann algerischer Abstammung – und damit einen sozialen Außenseiter, wie er selbst einer in seiner Jugend war – denunziert, stürzt den Erzähler in eine Krise: »Ich war zum Rassisten geworden. Der Rassismus, also das, was ich immer als das meinem Wesen radikal Entgegengesetzte empfunden hatte, das absolut andere meiner selbst, erfüllte mich unvermittelt, ich war die anderen geworden.«

Was diese Geschichte über das gespaltene Frankreich erzählt; warum die beiden Schriftsteller verstehen, dass ihre Mütter Marine Le Pen wählen; was mit Emmanuel Macron auf ihr Land und Europa zukommt und ob literarische Bündnisse in Zeiten wie diesen etwas bewirken können – all das diskutieren Didier Eribon und Édouard Louis mit dem SZ-Feuilletonisten Alex Rühle in den Münchner Kammerspielen. ||

DIDIER ERIBON & ÉDOUARD LOUIS
Lesung und Gespräch
Moderation: Alex Rühle | Münchner Kammerspiele, Kammer 1| 26. September| 20 Uhr