Der Grafikkünstler Günter Mattei hat jahrzehntelang die unverwechselbaren Plakate für das Theater Schauburg und den Tierpark Hellabrunn gestaltet.

Dieses Selbstbildnis am Karibikstrand wünschte sich Günter Mattei anstelle eines Porträtfotos © Günter Mattei

Jeder ältere Münchner U-Bahn-Benutzer kennt Bilder von Günter Mattei. Auch wenn er den Namen des Künstlers nie gehört hat. Der Grafiker hat 23 Jahre lang die Schautafeln im Tierpark und die Plakate für Hellabrunn gestaltet, die bis 2005 an den Litfaßsäulen und in U-Bahnhöfen hingen. Sie fielen auf durch ihren feinen Strich und durch witzige Motive. Der Schimpanse mit einer Banane als Telefonhörer hat sich eingeprägt. Noch besser haben regelmäßige Theatergänger das Werk Matteis kennengelernt: Für das Jugendtheater Schauburg hat er 35 Jahre zu fast allen Produktionen das Gesamterscheinungsbild und die Plakate entworfen. Deren zeichnerische Raffinesse und Fantasie erinnern manchmal an Gustave Doré oder an Max Ernsts Zyklus »La femme 100 tête« – völlig ungewöhnlich in unserer heutigen Werbe-Bildwelt voller greller, überdeutlicher Zeichen. Diese Ära geht nun zu Ende. Mit der neuen Intendanz an der Schauburg hält auch dort in der grafischen Gestaltung eine neonbunte, simpel-abstrakte Ästhetik Einzug, wie das Spielplanheft zeigt.

Für Günter Mattei ist das kein Grund zur Traurigkeit. »Durch die Schauburg war ich doch immer sehr an die Stadt gebunden«, sagt der 70-Jährige. »Jetzt möchte ich meinen alten Traum vom Reisen und Arbeiten verwirklichen.« Das heißt für ihn, über längere Zeit in einem fernen Land seine Kreativität zu entfalten. Am wohlsten fühlte er sich in der Karibik – dort entstand auch sein hier gezeigtes Selbstporträt.

Mattei und die Schauburg – »wie die Jungfrau zum Kind«

Angefangen hat der Österreicher als Schaufensterdekorateur: »Mich hat interessiert, Blickfänge zu entwickeln.« Er spezialisierte sich auf Schuhe, dazu hatte er ein gutes Gespür für Schrift und Typografie und begann autodidaktisch mit grafischen Collagen. Er reiste viel, war ein halbes Jahr in London und blieb mit knapp 24 der Liebe wegen in München hängen. Hier studierte er am Grafik-Design-Center drei Jahre u.a. bei Manfred Popp von den Famous Artists in Amsterdam, der ihn später als Partner in sein Studio holte. »Das war dann nochmals eine harte Schule: heute Bilder für den Playboy, morgen Kinderzeichnungen, übermorgen Illustrationen für den Ski-Atlas usw.« Aber er konnte reisen, war 1975 lange in der Karibik und wurde zum Tropen-Experten. Was sich später in Schumann’s Tropical Barbuch und in der »Tropic Edition« niederschlug.

Mattei hat immer frei gearbeitet, im eigenen Studio. Die Ehe und die Geburt seiner gehörlosen Tochter machten ihn sesshafter – so lange jedenfalls, bis er wieder genug Geld für eine Pause hatte. Zur Schauburg kam er 1982 »wie die Jungfrau zum Kind«. Die ihm bekannte Druckerin Anne Lehmann von MEOX bat ihn um einen grafischen Bildrahmen für die Plakate. Bereits beim ersten »Don Quijote«-Plakat war ihm das als Aufgabe aber zu wenig. Für einen Grafiker hatte die Schauburg keinen Etat – die Gestaltung des Plakats war Aufgabe des jeweiligen Bühnenbildners. Und Matteis Maxime zum Leidwesen seiner Druckerin: »Wenn wir schon nichts verdienen, wollen wir wenigstens richtig tolle Arbeit machen.« Dass er nicht vom Theater kam, war ein Vorteil: »So konnte ich auf der ganzen Klaviatur spielen. Plakate sind ja immer eine Verdichtung, das ist nicht so einfach.«

Der damalige Intendant Jürgen Flügge war begeistert und nahm Mattei bei seinen Wechseln an die Theater nach Esslingen und Braunschweig mit. Der war »heilfroh, die Schauburg los zu sein«. Aber als nach einem unrühmlichen Halbjahres-Intermezzo von Flügges Nachfolgerin dann George Podt und Dagmar Schmidt, die schon unter Flügge Dramaturgin war, das Haus übernahmen, fragte Dagmar sofort bei ihm an. So begann die intensive Zusammenarbeit. »Mit Dagmar ging es immer gut, weil wir uns beide unseren Hoheitsbereich ließen«, sagt Mattei. »Sie hat mich machen lassen, und ich habe immer sehr theaterdienlich gearbeitet.« Er konnte nach einer inhaltlichen Absprache so frei arbeiten, wie er wollte – das war ihm ungemein wichtig.

Keiner weiß, was dernSchimpanse am Telefon sagt. Aber Matteis Appell, in den Tierpark zu gehen, wurde gehört – und vor allem gesehen ©nGünter Mattei

Als Betrachter glaubt man leicht, in den Theaterplakaten eine unverwechselbare Handschrift zu erkennen. Aber schon beim Durchblättern des Schauburg-Rückblick-Buches »Feuer entfachen statt Fässer füllen« staunt man über die stilistische Vielfalt. Mattei sieht sich selbst als »Multiinstrumentalist der Grafik«, der sich bemüht, immer wieder etwas anderes zu machen. »Natürlich kristallisiert sich ein Stil heraus. Die kolorierte Zeichnung hat sich fürs Theater als die richtige Form erwiesen, weil sich mit ihr inhaltlich alles transportieren lässt. Ich muss an Inhalte glauben, sonst kann ich nicht arbeiten.«

Die Druckerin Anne Lehmann empfahl ihn 1982 auch dem damaligen Tierpark-Direktor Henning Wiesner, mit dem er heute noch befreundet ist. Neben den Schautafeln und dem gesamten Erscheinungsbild entstanden mit Wiesner drei Bücher: »Das große Buch der Tiere« (mit dem Telefon-Affen als Cover) sowie »Müssen Tiere Zähne putzen?« und »Wenn Hunde sprechen könnten!«. Mit Wiesners damaligem neuen kaufmännischen Partner gab es dann bald Streit über ein Motiv und in der Folge auch über das Gesamtkonzept und Mattei zog dann zunehmend alle seine Nutzungsrechte zurück. Günter Mattei hat noch vieles andere gemacht: drei Jahre lang die Werbung für das Deutsche Theater, das heute noch das von ihm entworfene Logo verwendet. Mit dem Barkeeper Charles Schumann hat er mehrere Bar-Bücher mit Cocktailrezepten und Geschichten veröffentlicht. Für das weltweit agierende Musiklabel Winter & Winter hat er unzählige Cover und Booklets gestaltet. Das Festival »Kulturufer« in Friedrichshafen bestückt er seit 33 Jahren mit seiner Grafik. Und Anfang der 90er Jahre war er sehr populär in den USA und Kanada: Seine unverwechselbaren tropischen Bilder für Myers’s Rum z.B. machten ihn dort sozusagen zum nicht austauschbaren »Marlboro-Man« für die Werbung. Aber die Amerikaner fragten immer erst, was »Dis? Dat?« kosten würde und taten sich schwer damit zu verstehen, dass er sich inhaltlich ungerne Vorgaben machen ließ: »Wer zahlt, schafft an – das gab’s bei mir nicht«, sagt Mattei. »Ein Geschäft ist nur gut, wenn’s für beide gut ist.« Als 1993 zwei unversicherte Originale beim Transport verloren gingen, stürzte die Kampagne ab. Danach war Schluss.

»Mit dem Ende der Schauburg-Arbeit verabschiede ich mich aus dem öffentlichen Raum«, sagt Mattei unsentimental. Jetzt will er wieder reisen. Aber sicher nicht nur unter Palmen sitzen und malen, sondern wahrscheinlich auch weiterhin an Aufträgen arbeiten. Denn: »Ich fand es immer interessant, mich auch mit fremden Inhalten auseinanderzusetzen als nur mit meinen eigenen. Deshalb ist dieser
Grafikerberuf so großartig und deshalb liebe ich ihn.« ||