Wo muss man rein? Was kann man sich sparen? Wir geben Auskunft. Heute starten Thomas Arslans »Helle Nächte« und »Der Wein und der Wind« von Cédric Klapisch.

Helle Nächte

Wird hier noch was passieren? Georg Friedrich in »Helle Nächte« © Schramm Film/ Marco Krüger

von Simon Hauck
Wenn der Vater (Georg Friedrich) mit dem Sohne (Tristan Göbel) einmal Auto fährt: Passiert eigentlich immer etwas. Gerne auch Spannendes, gar Testosterongesteuertes. Nur eben nicht unbedingt, wenn der Regisseur Thomas Arslan (»Im Schatten« / »Gold«) heißt – und zu den renommiertesten Regisseuren der Berliner Schule zählt. Denn auch in »Helle Nächte«, seinem neuesten Versuch, einen Spielfilm dramaturgisch bis aufs Skelett abzumagern, tut sich lange Zeit extrem wenig: gar nichts, um genau zu sein. Bis auf diese eine, quasi ins Unendliche hinein gehende Einstellung, die Reinhold Vorschneider, immerhin das beste Auge jener inzwischen international anerkannten deutschen Filmsprache made in Berlin (»Wild« / »Schläfer« / »Orly«), als Kamerasubjektive wie nebenbei durch die Frontscheibe heraus aufgenommen hat. Unterlegt allein vom wundersam drone-artigen Soundgetüftel Ola Fløttums entfaltet Arslans sehr subtil erzählter, erneut mit sparsamen Mitteln realisierter Alltagsrealismus kurzzeitig eine geradezu magisch-erhabene Aufladung. Ansonsten bewegt sich aber in dieser drehbuchmäßig lauwarmen Vater-mit-Sohn-ohne-echten-Konflikt-Story über weite Strecken hinweg überhaupt nichts – und ein Gelände-SUV ohne Benzin wird nicht nur auf der Leinwand zum Stillstandsymbol par excellence. »Helle Nächte« berauscht sich vielmehr – wie schon manch andere Arbeit des deutsch-türkischen »Berlinale«-Stammgasts – gewohnt präzise wie schnörkellos fotografiert an der technischen Finesse des fertigen Films: immer an der Schwelle zur puren Sprödigkeit wie kompletten Antinarration. Sicherlich: Das muss man erst mal können, aber nicht unbedingt sehen. ||

HELLE NÄCHTE
Deutschland, Norwegen 2016
Regie: Thomas Arslan | Mit: Georg Friedrich, Tristan Göbel, Marie Leuenberger u.a. | 86 Minuten
Kinostart: 10. August
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Der Wein und der Wind

Drei Geschwister mit feinen Nasen| © Studiocanal

von Christiane Pfau
Schon der Vorspann reicht, um den Blutdruck um ein paar Maßeinheiten zu senken. Frühling, Sommer, Herbst und Winter, die Kamera hält immer dieselbe Perspektive, aus dem Fenster hinaus über die Hügel. Wo das wächst, was nicht nur eine Familie am Leben hält, sondern Lebensqualität, Genuss, ein ganzes Universum bedeutet. Der französische Filmtitel trifft den Inhalt besser als der kitschige deutsche: »Ca que nous lie« heißt so viel wie, was uns bindet, was uns verbindet, was uns hält. Und genau darum geht es: um die Familie, um die Natur, um die Landschaft. Um Heimat, um die Sprache, um das, wozu man sich gehörig fühlt. Die Geschwister Jean, Ju liette und Jérémie kommen erstmals nach Jahren wieder zusammen, als ihr Vater stirbt. Juliette stemmt die Aufgaben auf dem Weingut der Familie, Jérémie hat ins Nachbargut eingeheiratet, und Jean baut mit der Mutter seines Sohnes in Australien Wein an. Um die Erbschaftssteuer bezahlen zu können, müssen sie sich entscheiden: Sollen sie Parzellen des Weinguts verkaufen, oder das Elternhaus? Die Geschichte ist nicht besonders spektakulär, aber in ihrer realitätsnahen Darstellung doch dramatisch. Denn schnell merken die Geschwister, dass es nicht um Geld geht, sondern um Werte, die nach Zitrusfrüchten und Minze, nach Vanille und Litschi schmecken.

Das Burgund ist ein herrliches Setting für die Arbeit im Weinberg, für die Ernte und den Genuss beim Feiern. Die Rollen sind fein besetzt: Ana Girardot gibt der fragil-spröden, entschlossenen Juliette viele Facetten, die der jungen Chefin auf dem Gut gut stehen. Sie setzt sich mit Intuition durch und kreiert einen Wein, dem sogar Jérémies arroganter Schwiegervater seinen Respekt zollt. Pio Marmaï zeichnet ihren Bruder Jean als Wanderer zwischen den Welten, der nach langer Zeit in der Ferne doch länger bleibt als geplant. François Civil spielt den jüngsten Bruder, der sich und seine Frau aus den Krallen der Schwiegereltern löst, um heiter bei seiner Schwester mitzuarbeiten. Cédric Klapischs Film umschifft dank seiner Schauspieler mit souveräner Leichtigkeit den Sturz ins Klischee (die Schwiegermutter sei ihm verziehen). Für einen essenziellen Konflikt findet er humorvoll und unaufgeregt eine gute, schöne, optimistische Lösung. Darauf ein Glas! ||

DER WEIN UND DER WIND
Regie: Cédric Klapisch | mit Pio Marmaï, Ana Girardot,
François Civil u.a. | Frankreich, 2017 | 113 Minuten
Kinostart: 10. August
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